Kultur macht Europa - 4. Kulturpolitischer Bundeskongress
30.06.2009

Geschichte braucht Zukunft

Herr Sievers, der 5. Kulturpolitische Bundeskongress liegt jetzt drei Wochen zurück. Ihr Fazit mit diesem Abstand ?

Wie direkt nach dem Kongress: durchweg positiv. Es gab interessante Vorträge und konzentrierte Debatten auf hohem Niveau. Der sonst übliche Schwund beim Publikum im Verlauf eines Kongresses war äußerst gering. Selbst bei der Schlussdiskussion war der Saal noch voll. Einziger Wermutstropfen: die Zahl der TeilnehmerInnen war nicht ganz so hoch wie bei früheren Kongressen.

Wie erklären Sie sich das?

Es bietet sich eine ganze Reihe möglicher Gründe an: der Feiertag, die Vielfalt der in unserem Programm angesprochenen Themen. Auch die Konkurrenz anderer Veranstaltungen spielt eine Rolle; Geschichtsthemen sind in diesem Jahr in. Andererseits steht das Thema ‚Geschichte und Kulturelles Gedächtnis’ auf der Agenda des kulturpolitischen Diskurses noch nicht ganz oben – jedenfalls auf der kommunalen Ebene. Hier geht es eher um praktische Probleme der Sicherung und Entwicklung der kulturellen Infrastruktur und dann natürlich um Veranstaltungsformate, die dem Erlebnisbedürfnis des Publikums stärker Rechnung tragen.

Historische Artefakte und Erzählungen sind aber doch geradezu prädestiniert für erlebnisorientierte Angebote.

In der Tat, man spricht nicht von ungefähr von Histotainment. Das wurde auch auf dem Kongress deutlich. Das Forum „Am Ende kommen Touristen“ über Kulturtourismus und kulturelles Erbe hatte den größten Zulauf. Das ist symptomatisch für die gegenwärtige Kulturpolitik. Es liegen darin sicher auch Entwicklungsperspektiven. Die Frage ist nur, ob und inwieweit die Erlebnisorientierung zum Kriterium kulturpolitischen Handelns werden kann, ohne den öffentlichen Bildungsauftrag der Kulturpolitik zu gefährden.

Was meinen Sie damit?

Ich sehe die Gefahr, dass sich die Grenzen zwischen kulturpolitischem Auftrag und kulturwirtschaftlichem Engagement verwischen. Wenn öffentliche Einrichtungen sich zu sehr an den Angeboten kommerziell arbeitender Anbieter orientieren, tendieren sie zu schnell dazu, auch deren Arbeitsweisen und Logiken zu übernehmen. Öffentliche Einrichtungen sollten effizient arbeiten und sich um mehr Besucher bemühen - aber Effizienz und Publikumserfolg sind nicht alles. Öffentliche Institutionen haben auch Aufgaben wie Bildung, Aufklärung, wissenschaftliche Aufarbeitung oder die Bewahrung des kulturellen Erbes wahrzunehmen. Das öffentliche Angebot muss sich erkennbar von der privatwirtschaftlichen Konkurrenz unterscheiden. Auf diese Differenz muss die Kulturpolitik bestehen, wenn sie sich nicht überflüssig machen will.

Öffentliche Aufgaben

Verlieren Museen und Archive denn ihre öffentlichen Aufgaben aus den Augen?

Zunächst: Nicht nur Museen zeichnet ein erhebliches Beharrungsvermögen aus. Manchen Einrichtungen kann man eine weitere Öffnung zu neuen Formaten und interessanteren Präsentationsformen nur wünschen, auch im Sinne der Erlebnisorientierung. Allerdings: eine sinnvolle Öffnung hin zum Markt setzt voraus, dass man vorher definiert hat, worin der öffentliche Auftrag besteht. Je mehr die Kulturpolitik die Kulturwirtschaft hofiert und PPP-Modelle bei der Finanzierung von Einrichtungen und Veranstaltungen ins Auge fasst, umso mehr muss sie diesen Auftrag präzisieren und stark machen. Das geschieht zu wenig.

Eine These, die nach einer Diskussion über den öffentlichen Kulturauftrag verlangt. Gab es auf dem Kongress auch sonst Kontroversen?

Der Kulturpolitische Kongress dient zunächst der Information. Der Vortrag kontroverser Argumente gehört dazu, nicht alle sind schließlich einer Meinung. Einige Diskussionsbeiträge beschäftigten sich mit der Frage, welche Rolle „Geschichtspolitik“ heute spielt. Für Bundestagspräsident Norbert Lammert ist dieser Begriff beispielsweise negativ besetzt. Er sprach lieber von Erinnerungskultur und reklamierte in seiner Eröffnungsrede auch in diesem Feld ein aktives und gestaltendes Eingreifen des Bundes. Andere Referenten und einige Tagungsteilnehmer sahen das anders und nannten Beispiele, wo der Staat durchaus Geschichtspolitik betreibt oder betrieben hat. Bei der für den Kongress zentralen Frage, ob Erinnern eine Voraussetzung für die Gestaltung der Zukunft ist, gab es ebenfalls sehr differente Meinungen. Martin Sabrow und Harald Welzer etwa plädierten dafür, auch das Vergessen als eine durchaus legitime Variante zu begreifen – allerdings mit teilweise unterschiedlichen Argumenten.

Warum war gerade diese Frage zentral für den Kongress?

Die Möglichkeit, aus der Vergangenheit lernen zu können, darf man nicht gering schätzen. Schon deshalb ist eine Auseinandersetzung mit dem kulturellen Erbe notwendig. Aber das geschieht ja bei uns in nicht unerheblichem Maße. Mit Blick auf die Vielzahl der Museen, die wir in Deutschland haben, war während des Kongresses sogar aus berufenem Munde die Rede davon, es sei notwendig, deren Zahl zu begrenzen. Für die Kulturpolitische Gesellschaft ist aber auch die Beschäftigung mit der Frage, wie wir in Zukunft leben können oder wollen, schon immer ein zentrales Thema der Kulturpolitik gewesen. Dieses gesellschaftspolitische Anliegen wollen wir aktualisieren. Deshalb auch der Titel der Kongresserklärung „Geschichte braucht Zukunft“. Was meint: die Beschäftigung mit historischen Themen hat keine Grundlage mehr, wenn unsere Zukunft existentiell gefährdet ist.

Geschichte der Kulturpolitik

Mit dieser Orientierung steht die Kulturpolitische Gesellschaft nicht allein. Das Kulturwissenschaftliche Institut beschäftigt sich in einer eigenen Sektion mit der „KlimaKultur“, den ökologischen und gesellschaftlichen Folgen der bedenkenlosen Ausbeutung der Natur und unserer Umwelt.

Diese Problematik ist auch für uns wichtig. Die Zerstörung der Umwelt ist natürlich auch eine kulturelle Frage, mit der wir uns auseinandersetzen müssen. Stichwort Klimawandel: wir können ihm nicht nur mit naturwissenschaftlichen Techniken begegnen, sondern müssen auch anders leben lernen, auch wenn diese Erkenntnis nicht ganz neu ist.

Gab es eine ähnliche Orientierung an gesellschaftspolitischen Zukunftsperspektiven in der kulturpolitischen Debatte schon einmal?

Ja natürlich. Die „Neue Kulturpolitik“ war davon geprägt. Nehmen wir als Beispiel die berühmte Abschlusserklärung „Zukunft und kulturelle Entwicklung“ der Expertenkonferenz des Europarates von Arc et Senans aus dem Jahr 1972. Damals wurde zum ersten Mal die gesellschaftspolitische Verantwortung der Kulturpolitik hervorgehoben, später haben sich viele Erklärungen auf diesen Referenztext bezogen. Die Erklärung nimmt explizit Bezug auf die Zerstörung der Umwelt durch den „sozio-ökonomischen“ Wachstumsprozess und fordert: „Die Aufgabe von Kulturarbeit ist es, alternative gesellschaftliche Entwicklungsrichtungen vorstellbar zu machen und in jedem Individuum den Sinn für das Mögliche zu wecken, das heißt, ihn zu befähigen, Krisen nicht auszuweichen und nicht der Sklave, sondern Herr seiner Geschichte zu werden. Kulturarbeit kommt ohne ethische Begründung nicht aus.“ Die Formulierung wirkt heute etwas betulich, aber sie ist zweifellos immer noch hoch aktuell. Hier ist ein Kernauftrag öffentlicher Kulturpolitik formuliert, wie wir ihn verstehen. Ich erinnere an unsere „Bausteine für eine kommunikativ und ökologisch orientierte Kulturpolitik“ aus dem Jahr 1990. Schon damals haben wir die Frage einer ökologisch verantwortlichen Lebenspraxis auch als kulturpolitisches Problem thematisiert. Es kommt heute darauf an, diese Zusammenhänge und die damit verbundenen Ansprüche in Erinnerung zu rufen.

Ein Hinweis darauf, dass Kulturpolitik eine Geschichte hat, die die Erinnerung lohnt. Hat der Kongress dazu beigetragen, den Blick in diesem Sinne nach vorne zu richten?

Kongresse sind immer zeitlich begrenzte Inszenierungen im Prozess eines längeren Diskurses. Sie sind wichtig, aber man sollte sie nicht überbewerten. Uns geht es darum, mit den kulturpolitischen Bundeskongressen Themen, die uns wichtig sind, auf die kulturpolitische Diskursagenda zu setzen und dafür zu sorgen, dass sie dort auch eine Zeit lang bleiben. Dafür setzen wir verschiedene Kommunikationsmittel ein. Wichtig ist aber auch, dass sie für uns selbst, also für die Kulturpolitische Gesellschaft, programmatische Markierungen sind, an denen wir uns in der Verbandspolitik in den nächsten Jahren orientieren. Insofern ist der Kongress – wie auch die früheren Kongresse – für uns der Anfang einer Debatte, die immer auch die Frage der Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft allgemein und der Kulturpolitik im Besonderen im Blick hat. Dies bedeutet für uns Nachhaltigkeit im kulturpolitischen Diskurs. Ob unsere Bemühungen einen Einfluss haben auf die Entwicklung und die Geschichte der Kulturpolitik, vermag ich nicht zu beurteilen. Pessimistisch bin ich nicht und interessant wird es allemal. 

Nichtsdestotrotz  stellt sich die Frage: wie weiter?

Zunächst einmal werden wir den Kongress auswerten und dokumentieren. Das vorliegende Material wird dann Gegenstand weiterer Diskussionen sein, z.B. in unseren Regional- und Landesgruppen, aber auch in den Seminaren der vielen kulturwissenschaftlichen und –pädagogischen Studiengänge, die es in Deutschland gibt. Dazu gibt es mittlerweile eine erfreulich intensive Beziehung. Es kann auch gut sein, das wir einzelne Themen selbst noch einmal aufgreifen und weiter bearbeiten. Die Frage der Nachhaltigkeit in der Kulturpolitik steht für uns ganz oben auf der Tagesordnung.

Wird das das Thema des 6. Kulturpolitischen Bundeskongresses sein?

Das steht noch nicht fest. Darüber werden wir zunächst im Vorstand, im Kuratorium unseres Instituts für Kulturpolitik und mit unserem Veranstaltungspartner, der Bundeszentrale für politische Bildung, reden. Vielleicht drängt sich ja auch die Frage auf, wie es überhaupt weiter geht mit der Kulturpolitik angesichts der Krise der öffentlichen Haushalte und der zu erwartenden Sparpolitik. Wir werden sehen. Es wird uns sicherlich etwas einfallen.  

Dr. Nobert Sievers ist der Geschäftsführer der Kulturpolitischen Gesellschaft. Neben der Organisation des Kulturpolitischen Bundeskongresses gibt die Gesellschaft die Kulturpolitischen Mitteilungen heraus und ist Trägerin eines eigenen Institutes für Kulturpolitik. Mehr hier 


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