Kultur macht Europa - 4. Kulturpolitischer Bundeskongress
03.06.2009

Die Zukunft der Erinnerung ist digital

Erik Meyer

Digitale Medien prägen nicht nur die Gegenwart gesellschaftlicher Kommunikation, sie bestimmen zunehmend unser Verständnis der Vergangenheit und begründen neue Formen von Geschichtsvermittlung und Opfergedenken. Während die kulturwissenschaftliche Forschung zur medialen Repräsentation von Vergangenheit vor allem die inzwischen „klassischen“ elektronischen Massenmedien wie das Fernsehen und „konventionelle“ Bildmedien wie Fotografie und Film fokussiert, stellt die Digitalisierung eine weitergehende Dimension dar. Ein Phänomen, für das die Partizipation der Nutzer an der darüber hinaus kollaborativen Produktion von Inhalten charakteristisch ist, hat im Hinblick auf die Vermittlung historischen Wissens jedoch schon Aufmerksamkeit erlangt: Inzwischen gilt Wikipedia gar als „heimliches Leitmedium“ (Maren Lorenz). Insofern die von anonymen Amateuren verfasste Online-Enzyklopädie als prototypisch für die unter dem Titel „Web 2.0“ subsumierten Innovationen verstanden werden kann, verweist diese Einschätzung auf die rasante Entwicklung des World Wide Web als Verbreitungsmedium: Die Integration nutzergenerierter Inhalte ist ein zentraler Aspekt des so genannten Web 2.0 und trägt im Kontext der Medienevolution auch zur Transformation kommemorativer Kommunikation bei.

Öffnung der Archive

Neben abgeschlossenen Artefakten wie CD-ROMs und Online-Ausstellungen sowie auf Aggregation und Aktualität abzielenden Portalen sind Datenbanken ein relevantes Format. Hier existieren Angebote, die die Tendenz einer durch digitale Verbreitungsmedien evozierten „Öffnung der Archive“ auch für interessierte Laien erkennen lassen. Prototypisch für diese Praxis ist ein Online-Angebot der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem. 1954 wurde dort mit der Sammlung von biografischen Angaben zu den Opfern des Holocaust unter dem Titel „Pages of Testimony“ begonnen. Seit Ende 2004 ermöglicht die Institution über ihre Website www.yadvashem.org den Zugriff auf „The Central Database of Shoah Victims’ Names“. Dort sind auch Feedback-Formulare verfügbar, mittels derer digitalisierte Fotografien und Dokumente eingereicht oder Kommentare abgegeben werden können. So können etwa Vorschläge zur Korrektur von als fehlerhaft wahrgenommen Einträgen artikuliert werden. Die Anwendung ermöglicht auch die Eingabe von Daten zu noch nicht registrierten Opfern. Von Nutzern übermittelte Daten und Materialien werden dem Bestand aber nicht automatisch hinzugefügt, sondern wie auf anderem Weg erhobene Erkenntnisse vor einer Integration in die Datenbank im Hinblick auf ihre Plausibilität geprüft. Yad Vashem annonciert das Projekt als „one of the greatest technological revolutions in Holocaust Remembrance“ und „one-of-a-kind interactive platform for commemoration and education“. Denn unter dem Titel „The Stories Behind the Names“ wird aufgezeigt, wie ausgehend von den Angaben aus den „Pages of Testimony“ unter Nutzung anderer über die Website verfügbarer Datenbanken historische Hintergrundinformationen und visuelle Quellen erschlossen werden können.

„In the future, the past will be visual“, reklamiert der Präsident und CEO der „Survivors of the Shoah Visual History Foundation“, Douglas Greenberg. Seit 1994 verfolgt die vom US-amerikanischen Filmregisseur Steven Spielberg gegründete Stiftung das Ziel einer umfassenden Dokumentation, Archivierung und Vermittlung von Aussagen überlebender NS-Opfer und Augenzeugen. Auch dieses, dezidiert vom Ende der auf den Holocaust bezogenen Zeitzeugenschaft geprägte Projekt basiert auf dem Einsatz digitaler Technologie, nämlich der Speicherung und Erschließung digitalisierter Videoaufzeichnungen von Zeitzeugeninterviews. Vor dem Hintergrund, dass der Zugang zu dieser Datenbank voraussetzungsvoll ist, der Anspruch des Projekts aufklärerisch zu wirken aber ausgesprochen ausgeprägt ist, rücken somit aus den Zeugnissen hervorgegangene Artefakte in den Fokus. Avancierte Katalogisierung und minutengenaue Indexierung ermöglichen eine komfortable Auswertung des Korpus und legen die Kompilation eruierter Sequenzen nahe. Aus dieser Konstellation resultiert ein Zugriff auf die Zeitzeugeninterviews, wie er auch für aktuelle TV-Dokumentationen charakteristisch ist, nämlich die Reduzierung des Materials auf für eine spezielle Absicht einschlägige Ausschnitte. Der Unterschied mag dabei in der Definition der Zielgruppen und Zwecke liegen, vor allem aber bleibt die Verwendung des Visual History Archive in Forschung und Lehre davon unbeeinträchtigt.

Anderen Projekten ist weder an der funktionalen Beteiligung der Nutzer zum Zweck der systematischen Erhebung historischer Angaben gelegen, noch akzentuieren sie die Archivierung und Erschließung von Zeitzeugenberichten im Sinne der Konstitution eines Korpus für Forschung und Kommemoration relevanter Quellen. Die Erhebung und Veröffentlichung von Zeitzeugenberichten via World Wide Web dient beispielsweise beim Portal zeitzeugengeschichte.de  vor allem als Anreiz dafür, dass sich Zielgruppen, die eine Affinität zu Online-Medien aufweisen, mit den angesprochenen historischen Erfahrungen auseinandersetzen. Auch wenn hier ebenso wie bei vergleichbaren Vorhaben eine redaktionelle Prüfung der nutzergenerierten Inhalte vor ihrer Veröffentlichung erfolgt, ist die Partizipation der User in diesem Fall ausgesprochen ausgeprägt: Die für die Website Verantwortlichen stellen nur noch die zur Speicherung sowie Verbreitung notwendige Infrastruktur zur Verfügung und definieren den konzeptionellen Rahmen der medialen Präsentation, während die eigentlichen Inhalte von den Nutzern erstellt werden.

Vor diesem Hintergrund repräsentiert das Visual History Archive ( hier mehr  ) noch eine konventionelle Konzeption des Archivs als eine von Spezialisten für Spezialisten organisierte Institution, deren Bestand Laien vornehmlich in Form von aus der Sammlung generierten Artefakten zugänglich wird. Die Differenz zum konventionellen Verständnis des historischen Archivs besteht hier im Korpus, das nicht durch zeitgenössische Quellen konstituiert wird, sondern durch die audio-visuell dokumentierten biografischen Berichte von Zeitzeugen. Aber erst der Einsatz digitaler Technologie ermöglicht es, diese Aufzeichnungen so zu erschließen, dass sie als Archivalien behandelt werden können. Diese Entwicklung korrespondiert mit der Karriere des Zeitzeugen als Repräsentant exemplarischer historischer Erfahrungen vor allem in den Massenmedien und daran knüpfen Online-Angebote wie „Zeitzeugengeschichte“ an.

Demokratisierung

Man kann diesen Prozess als Demokratisierung von Erinnerungskultur und Geschichtsschreibung charakterisieren, muss aber konzedieren, dass diese Form der Integration nutzergenerierter Inhalte auch kritische Fragen evoziert. Sowohl die Fokussierung individueller Zeugnisse als auch die konstitutive Rolle von Laien als (Ko-) Produzenten betreffender Angebote weist subjektiven Perspektiven eine hohe historische Relevanz zu. Dies gilt gleichermaßen für die Rezeption, denn die Aufgabe der Auswahl aus den kumulativ aggregierten Inhalten fällt dem interessierten Nutzer zu. So forciert eine „Erinnerungskultur 2.0“ durch die Privilegierung personalisierender Darstellungsstrategien in Kombination mit einem programmatischen Verzicht auf Selektivität die Tendenz zur Individualisierung von Geschichtsbildern und -erzählungen.

Dr. Erik Meyer hat als Dozent am Institut für Politikwissenschaften der Justus-Liebig-Universität Gießen gelehrt, zur politischen Kommunikation in Online-Öffentlichkeiten gearbeitet und sich im International Graduate Centre for the Study of Culture engagiert. Mehr hier 

Der eben erschienene Sammelband "Erinnerungskultur 2.0: Kommemorative Kommunikation in digitalen Medien" wurde von ihm herausgegeben. Mehr hier 

Der Kulturpolitische Bundeskongress befasst sich mit dem Thema (digitale) Medien und Erinnerung u.a. im Panel 3 „Geschichte wird gemacht. Gedächtnis, Erinnerung und die Medien“ (mehr hier[Internal] )und im Forum 8 „Am Samstag den ‚Untergang’ oder ‚Rom und die Barbaren’? Geschichtsvermittlung zwischen Bildungsanspruch und Histotainment“ (mehr hier[Internal] )


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