Kultur macht Europa - 4. Kulturpolitischer Bundeskongress
27.05.2009

Altes Interesse an Geschichte

Schon 2002 feierte der Verband der bayerischen Geschichtsvereine sein 150-jähriges Jubiläum, erstaunlicherweise hat er seine eigene Geschichte kaum zum Gegenstand seiner Forschungen gemacht, meint der Verbandsvorsitzende Prof. Manfred Treml. Dabei verfügen die Vereine mit ihrem Wissen um „Land und Leute“ über ein Potential, das auch für die Zukunft nutzbar gemacht werden kann, nicht nur in der Region, sondern auch im nationalen und europäischen Rahmen: „Alte historische Verbindungslinien, Städte- und Schulpartnerschaften, die Kontakte anderer Vereine, der Kunstvereine, aber auch der Sportvereine, oder die Verbindungen von Firmen und grenzüberschreitenden Körperschaften wie den Euregios können als Wegbereiter gute Dienste leisten.“

In einem ersten Entwurf skizziert Treml die Verbandshistorie, gestützt auf einige wenige und weit verstreute wissenschaftliche Beiträge und seine eigene Verbandserfahrung stützt. Er kritisiert: „Die Darstellungen zur Geschichte der Geschichtsvereine in Bayern konzentrieren sich immer noch auf das 19.Jahrhundert und auf die durch königliche Verfügung angeregte Gründung von Kreisvereinen seit 1830. Gesellschaftsgeschichtliche Fragestellungen und zeitgeschichtliche Problemdiskussionen fehlen fast vollständig.“ Immerhin gibt es neuere Einzeluntersuchungen zu den Rheinlanden, zu Göttingen, Mannheim oder Hamburg, die „als methodische Schrittmacher“ dienen können. Insgesamt lässt sich aus diesen Anregungen auch für Bayern bei der Entstehung der Vereine ein Phasenmodell und eine grobe Typologie ausmachen, so Treml. Im Einzelnen:

Der aufklärerische Vorlauf. Die beiden wesentlichen Wurzeln für die Gründung von historischen Vereinen liegen in der Aufklärung und in der politischen Romantik. Die aufgeklärten "Lesegesellschaften", typische Kinder der bürgerlichen Emanzipationsbewegung, und die ökonomisch-patriotischen Gesellschaften waren mit ihren Bemühungen um Bildung, Archäologie und museale Sammlungen frühe Vorläufer.

In München entstand bereits 1702/03 die „Nutz- und Lust-erweckende Gesellschaft der Vertrauten Nachbarn am Isarstrom“, in der sich seither weltliche und geistliche Freunde zur Pflege der Historie und zu gegenseitiger literarischer „Erheiterung“ zusammenfanden, durchaus ein geistiger Vorläufer der Akademie der Wissenschaften, in der sich seit 1759 ein „breites bürgerlich-adeliges Publikum“ versammelte.

Romantisch-integrative Staatsvereine. Von Heimatliebe und Nationalbewusstsein waren die wenige Jahrzehnte später entstandenen "Geschichts- und Altertumsvereine" geprägt, die aus der "vaterländischen" Begeisterung der Befreiungskriege entstanden und zum Teil bereits auf regionalen Vorläufervereinen aufbauten. Staatliche Verfügungen dienten als Geburtshelfer. König Ludwig I. gab in einem Kabinettsbefehl am 19. Mai 1827 dazu den Anstoß. Seit 1830 entstanden in allen Regierungsbezirken entsprechende Vereine, die vor allem als Instrumente staatlicher Integration und mit der klaren Zielsetzung einer staatsbayerischen Identität wirken sollten. Nicht zufällig dominierten in ihnen die Beamtenschaft und das Bildungsbürgertum, mit deren Unterstützung oppositionellem Denken vorgebeugt werden sollte.

Bürgerlich-identifikatorische Stadtvereine. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts blühte als Konkurrenz das stadt-geschichtliche Vereinswesen auf, die „Gruppe der Selbstverständlichkeiten“ mit identitätsstiftender Funktion, wobei der Typus der jeweiligen Stadt für die Mitgliederstruktur und die Vereinsziele von entscheidender Bedeutung war. Diese städtischen Honoratiorenvereine wurden häufig geführt von Archivaren, Gymnasiallehrern, Pfarrern, Ärzten und Apothekern, also von Vertretern der gebildeten städtischen Oberschicht, die sowohl über historischen Sachverstand als auch über professionelle Methoden verfügten. Das Zusammenwirken von regionalem Geschichtsbewusstsein und nationaler Orientierung lässt sich besonders signifikant am „Verein für Geschichte der Stadt Nürnberg“ nachweisen.

Heimatvereine. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts tauchten populäre Rivalen der bestehenden bürgerlichen Vereine auf, Kinder der Heimatschutzbewegung, ungebärdig wie diese, volksbezogen und oft emotional bewegt. Die neuen Vereine propagierten Schutz der und Liebe zur Heimat und gingen über den rein historisch-archäologischen Rahmen weit hinaus. Sie wurden geprägt von der Modernisierungs- und Zivilisationskritik, dem Kulturpessimismus und Irrationalismus der Gesamtbewegung, die sich 1904 im Bund "Der deutsche Heimatschutz" organisierte. Trotz dieser ideologischen Bindung wurden viele Heimatvereine in Bayern zu einem bis heute wirksamen Bestandteil regionaler und lokaler Geschichtspflege, wenngleich sie häufig neben oder manchmal sogar gegen den historischen Verein der eigenen Region agierten. Noch in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde hierzu in der Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte eine Kontroverse ausgetragen. Der dabei formulierte vermeintliche Gegensatz zwischen Wissenschaftlichkeit und Volkstümlichkeit gehört inzwischen, nicht zuletzt durch das institutionelle Zusammenwirken der drei Dachverbände, dem Verband Bayerischer Geschichtsvereine, dem Bayerischen Landesverein für Heimatpflege und dem Bund Naturschutz in Bayern, im „Bayerischen Heimattag“ der Vergangenheit an und hat einer kooperativen Praxis Platz gemacht.

„Neue Geschichtsbewegung“ und Bürgerinitiativen. Die „neue Geschichtsbewegung“ der 60er und 70er Jahre, die in den Geschichtswerkstätten inzwischen festere Organisationsformen gefunden hatte, kreierte ein Kontrastprogramm zu den oben genannten Verbänden: Neu waren die Formen aktionistischer Darbietung, neu die Themen, polemisch oft auch die Thesen - eine histoire engagée, die jüngere Leute ansprach und meist von jungen Historikern getragen war. Innovativ, phantasievoll und methodisch gut gerüstet gingen sie ans Werk. Sie dachten über Demokratie nach, forcierten Alltags- und Zeitgeschichte, praktizierten die Methode der „Oral history“ und verstanden Geschichtsbetrachtung als politisches Arbeitsfeld.

Damit erregten sie Anstoß bei den Etablierten, den offiziellen und anerkannten Verwaltern der Landes-, Regional- und Heimatgeschichte. Nüchtern betrachtet waren freilich weder die Unterschiede unüberbrückbar noch die Zielsetzungen wirklich konträr. Inzwischen zeichnen sich weitere, erfreuliche Entwicklungen ab: Sowohl aus Geschichtswerkstätten als auch aus Bürgerinitiativen und lokalen Anliegen heraus entstandene Vereine etablierten sich in den vergangenen zwanzig Jahren als neuer Typus.

Moderne Zeiten

Inzwischen sind die Verbindungen zwischen etablierten und neuen Vereinen enger geworden, Teile der neuen Geschichtsbewegung haben sich sogar in die historischen Vereine integriert und diese zugleich verjüngt und modernisiert. In Bayern gibt es gegenwärtig sicher mehr als 300 Vereinigungen, die sich einem dieser Typen zurechnen lassen. Der Verband bayerischer Geschichtsvereine, dem inzwischen sowohl Heimatvereine als auch Geschichtswerkstätten angehören, hat gegenwärtig 210 Mitgliedsvereine, deren Abgrenzung gegenüber Vereinen mit partieller historischer Ausrichtung oft nicht einfach ist. Bei ihren Aktivitäten erfüllen die Vereine insgesamt heute im wesentlichen drei Funktionen.

Geschichtsvereine sind und bleiben auch weiterhin Teil der wissenschaftlichen landesgeschichtlichen Forschung, ein lebendiges Wurzelgeflecht, in dem interdisziplinäre Zusammenarbeit praktiziert, die realienkundliche, insbesondere auch die bildliche Überlieferung Beachtung findet und die intensive Erschließung des Nahraumes durch Exkursionen regelmäßig praktiziert wird. Ohne die kontinuierliche Publikationsleistung der historischen Vereine wäre auch die Geschichte des Landes Bayern nicht zu erforschen, würden Stadtjubiläen und historische Feste entfallen, Stadtgeschichten ungeschrieben bleiben.

Zentraler Bestandteil des Vereinslebens sind die Vermittlung und Kommunikation der  Forschungsergebnisse in die Gesellschaft hinein. Diese Bildungsorientierung hat ohne Frage Zukunft, vor allem dann, wenn sie neue Formen erprobt, erlebnishafte Angebote nicht scheut und zugleich zu aktiver Mitgestaltung einlädt. Eine zur Oberflächlichkeit neigenden Erlebnisgesellschaft ist dringender denn je angewiesen auf Substanz, Kompetenz und Qualität.

Als historisches Gewissen einer Region, als Lobbyisten für Geschichtsbewusstsein und Geschichtsinteresse und als Verfechter einer wissenschaftlichen Landes- und Regionalgeschichte waren und sind die Heimat- und Geschichtsvereine niemals unpolitisch. Das Spektrum der erforderlichen Aktivitäten hat sich nach der Wiedervereinigung sogar ausgeweitet, und im europäischen Kontext zeichnen sich zusätzliche neue Aufgabenfelder ab. So kann es den Geschichtsvereinen etwa nicht gleichgültig sein, wenn der Geschichtsunterricht dem Multimediarausch unserer Tage zum Opfer zu fallen droht. Verantwortlich fühlen sie sich auch für die Qualität und die gesellschaftsrechtliche Kontrolle der Medien, als Zuhörer und Zuschauer ebenso wie als Konsumenten, deren Macht mit ihrem Organisationsgrad anwächst. Für das regionale Geschichtsbewusstsein hängt nämlich außerordentlich viel von den kleinräumigen Kommunikationsnetzen ab, die gerade die neuen Medien bereitstellen.

Perspektiven

Als zentrale Aufgabe, bei der die Geschichtsvereine ihre Kräfte bündeln und auf Landes- und Bundesebene kraftvoll agieren müssen, kristallisiert sich immer mehr der Erhalt der Landesgeschichte in Wissenschaft und Unterricht heraus. Von Abschaffung oder Umwidmung bedrohte landes- und regionalgeschichtliche Lehrstühle und Professuren an deutschen Universitäten haben inzwischen mehrere Landesverbände aufgeschreckt. Gezielt wird sich in Zukunft auch der Gesamtverein der deutschen Geschichts- und Altertumsvereine dieser Aufgabe annehmen. Letztlich müssen die Verein als „Lobbyisten für Geschichtsbewusstsein“ der Öffentlichkeit deutlich machen, dass unser föderatives politisches System vom Wissen um „Land und Leute“ abhängig ist und dass sein Weiterbestehen ohne die Vermittlung von lokal-, regional- und landesgeschichtlichem Wissen erheblich gefährdet ist.

Um dem umfassenden Anliegen einer Förderung der Regionalkultur mehr Wirksamkeit und Nachdruck zu verleihen, gilt es außerdem, Kooperationsmodelle und Netzwerke zwischen den verschiedenen Vereinigungen und Verbänden der Kultur, der Kunst, der Heimat- und Denkmalpflege und des Naturschutzes zu entwickeln. Museen, Archive, historische Stätten, Denkmäler und Bauten, aber auch Landschaften, Naturschutzgebiete und Zeugnisse lebendiger Brauchtumspflege enthalten eine unausschöpfbare Fülle an didaktischen Möglichkeiten. Der Integration bisher vernachlässigter und daher auch unterrepräsentierter Gruppen wird die Vereine insgesamt mehr beschäftigen müssen. Auch Ausländer und Aussiedler haben in historischen Vereinen ihren Platz, Singles und Senioren sind als eigenständige Zielgruppen ernst zu nehmen, und gegen das vielbeklagte Fehlen weiblicher Mitglieder und junger Leute sollte endlich wirksame Konzepte entwickelt werden.

Die Geschichtsvereine müssen ein besonders stabiler und zuverlässiger Teil einer Bürgergesellschaft sein, die inzwischen immer häufiger als Garant für ein Europa beschworen wird, das auf Bürgernähe und Partizipation aufbaut. Darin besteht in der Tat ihre große Chance: ein Forum zu bieten für Bürgerbeteiligung in überschaubaren Lebenswelten, für aktive kulturelle Betätigung, für ehrenamtliches Engagement im Dienste der Gemeinschaft. Bei der noch ausstehenden mentalen Wiedervereinigung Deutschlands kommt den Geschichtsvereinen zusätzlich eine nicht zu unterschätzende Bedeutung zu, die vom Tauschverkehr der Publikationen über Begegnungen, Patenschaften und Partnerschaften bis zu gemeinsamen Projekten und Publikationen reichen kann.

Diese Allianz der Geschichtsbewussten, denen regionale Kultur ein Anliegen ist, muss mehr und mehr auch europäische Dimensionen annehmen. So wird sich aus vielen Einzelfäden sicher ein europäischer Kulturteppich weben lassen, der das bunte Muster der Vielfalt zeigt und nicht das entstellte Gesicht einer vom ökonomischen Fetisch „Globalisierung“ erzwungenen Einheitswelt.

Der vorstehende Text basiert auf einem Vortrag von Prof. Dr. Manfred Treml

Prof. Dr. Manfred Treml ist Vorsitzender des Gesamtvereins der deutschen Geschichts- und Altertumsvereine e.V. in München. Von 1985 bis 2001 war er stellvertretender Direktor des Hauses der Bayerischen Geschichte (Leitender Sammlungsdirektor), anschließend Direktor des Museums- Pädagogischen Zentrums (Oberstudiendirektor) München.  Mehr zum Gesamtverein hier

Das Thema „Geschichte für alle und von allen. Geschichtsvermittlung in der (sozio-)kulturellen Praxis“ wird auf dem Kulturpolitischen Bundeskongress in Forum 10 diskutiert. Mehr hier[Internal]


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