Kultur macht Europa - 4. Kulturpolitischer Bundeskongress
13.05.2009

Das etwas andere Erinnern

Jürgen Bacia / Cornelia Wenzel

Im Garten der Kulturpolitik stehen Museen, Denkmäler, Archive, Bibliotheken und allerlei andere Einrichtungen, die sich der Pflege des kulturellen Erbes widmen. Sie verstehen sich als Erinnerungs- bzw. Gedächtnisorte, als Hüter historischer und zeitgeschichtlicher Dokumente und Materialien. Gern werden sie auch als Gedächtnis eines Landes oder eines sozialen, politischen oder kulturellen Milieus bezeichnet, denn es herrscht weitgehend, quer durch alle gesellschaftlichen Gruppen, Konsens darüber, dass Überlieferungen aller Art die empirische Grundlage jeder historischen und zeitgeschichtlichen Forschung bilden. Ohne Quellen, also authentische Überlieferungen, bewegt sich jeder Versuch, eine Gesellschaft zu verstehen, schnell im Spekulativen und damit im Zweifelhaften.

Dennoch stehen Archive und Dokumentationsstellen eher an den schattigen Plätzen des kulturpolitischen Gartens. Erst wenn dramatische Ereignisse wie der Brand in der Weimarer Anna Amalia Bibliothek oder das Versinken des Historischen Archivs der Stadt Köln geschehen, gerät die wichtige Gedächtnisfunktion solcher Einrichtungen ins öffentliche Bewusstsein.

Eine besondere und leider viel zu wenig beachtete Rolle innerhalb der Archiv- und Bibliothekslandschaft spielen die Freien Archive. Gemeint sind damit diejenigen unabhängigen Einrichtungen, die seit den 1960er Jahren aus dem bunten Spektrum der Neuen Sozialen Bewegungen entstanden sind. Thematisch geht es dabei um ein sehr disparates Milieu: es umfasst die APO-Gruppen der 1960er Jahre und alles, was darauf folgte, also Spontis und Maoisten, Anarchisten und Autonome, Internationalisten und Sinnsucher, die Umwelt- und die Friedensbewegung, nicht zu vergessen die Frauenbewegung, die wohl die nachhaltigste Wirkung in der Gesellschaft erzielt hat. Daneben umfasst dieses Milieu aber auch Bürgerinitiativen und Stadtteilgruppen, die Hausbesetzerszene und Mietergruppen, Arbeitslosen- und Obdachloseninitiativen, GlobalisierungsgegnerInnen und Tierfreunde, die Initiativen der Kirche von unten und gewerkschaftsoppositionelle Gruppen  - und last but not least gehören auch die selbstverwalteten Jugend- und Kulturinitiativen sowie eine Vielzahl von alternativen Selbsthilfegruppen dazu.

Warum sind Freie Archive notwendig? HistorikerInnen, Sozialwissen-schaftlerInnen und einige ArchivarInnen weisen seit vielen Jahren auf die prekäre Quellenlage zu den Neuen Sozialen Bewegungen hin. Um nur ein Beispiel zu nennen, soll hier an eine bedeutsame, aber viel zu wenig beachtete Rede von Peter Dohms erinnert werden, die dieser am 3. Juli 1997 in der Deutschen Bücherei in Leipzig gehalten hat. Anlass war die dortige Eröffnung einer Ausstellung des Archivs für alternatives Schrifttum. Dohms, seinerzeit Direktor im Hauptstaatsarchiv in Düsseldorf, beklagte darin die verstreute, unübersichtliche und fragmentarische Überlieferung der Neuen Sozialen Bewegungen in den staatlichen und städtischen Archiven: obwohl diese Bewegungen „das Gesicht unseres Staates entscheidend geprägt haben“, suche man ihre Dokumente in den staatlichen Archiven oft vergebens. Er beklagte aber auch die wachsende Bedeutungslosigkeit der amtlichen Überlieferung: „Namhafte Archivare und Historiker sind sich einig in der Einschätzung, dass staatliche Akten  –  und Ähnliches gilt sicherlich für die Überlieferung auch aller anderen Verwaltungen  -  in zunehmendem Maße ‚inhaltsleer‘, ‚belanglos‘ und ‚kümmerlich‘ werden  –  so dass man  –  stellt man die allenthalben um sich greifende Informationsexplosion in Rechnung  -  sagen kann, dass sich der Aussagewert behördlicher Unterlagen geradezu umgekehrt reziprok zu ihrer Masse entwickelt hat“.[1]

Empirisch abgesicherte, zeitgeschichtliche Forschung zu bestimmten gesellschaftlichen Konflikten und Defiziten, aber auch zu den Neuen Sozialen Bewegungen selbst ist also auf Quellen angewiesen, die zu großen Teilen nur in Freien Archiven zu finden sind.

Die Geschichte der freien Archive

Die Keimzellen der ersten Freien Archive lagen seit den 1960er Jahren in Wohngemeinschaften und besetzten Häusern sowie in den Büros der politischen Gruppen und Zeitungsredaktionen, z.T. auch bei den Allgemeinen Studentenausschüssen der politisierten Universitäten. Dort waren sie bekannt und dort wurden sie von den Aktivistinnen und Aktivisten genutzt. Ende der 1970er Jahre gab es etwa zwei Dutzend Freie Archive. Zu dieser Zeit hatte das politische und alternativkulturelle Milieu einen Transformations- und Veränderungsprozess durchgemacht, durch den viele alte Strukturen zerfallen und neue entstanden waren. Damit einher ging ein „Historisierungsprozess“, durch den beinahe zwangsläufig Archive aus dem Boden sprossen, denn fast allen um 1980 Aktiven war bewusst, dass ihre eigene politische Arbeit auf den vorausgegangenen Protestbewegungen fußte. Den neu entstandenen Umweltschutz- und Friedensbewegungen war von Anfang an an Kontinuität und Erfahrungsaustausch gelegen, denn die Argumente gegen die Atomkraft waren in Brokdorf, Whyl oder Hamm-Uentrop dieselben, und eine Initiative in Stuttgart, die gegen die Stationierung von Cruise Missiles und SS 20 protestierte, interessierte sich natürlich für die Aktivitäten Gleichgesinnter in Hamburg und Berlin. Der Prozess der Vernetzung verstärkte sich in vielen Bereichen der Neuen Sozialen Bewegungen auch durch den sprunghaften Anstieg von Publikationen der Gegenöffentlichkeit: mit dem Austausch ihrer Publikationen tauschten die Projekte auch ihre Erfahrungen aus.

Fast alle Gruppen der Neuen Sozialen Bewegungen steckten an unterschiedlichen Punkten in Konflikten mit staatlichen, kommunalen oder sonstigen Institutionen und wurden von diesen Stellen ignoriert, behindert, bekämpft oder gar kriminalisiert. Es bestanden, so der schöne Titel eines Buches aus dieser Zeit, „Zwei Kulturen“. Logischerweise wollten die alternativen Projekte die Archivierung ihrer Geschichte nicht den staatlichen oder kommunalen Einrichtungen überlassen. Die Vorbehalte beruhten im übrigen auf Gegenseitigkeit: die meisten etablierten Archive dachten gar nicht daran, die Dokumente der Unruhestifter und Querulanten zu archivieren.

Den größten Zuwachs erlebte die Freie Archivszene der Bundesrepublik in den 1980er Jahren. Das hatte damit zu tun, dass die verschiedenen Gruppen und Initiativen der Neuen Sozialen Bewegungen eine gefestigte Infrastruktur aufgebaut hatten und damit überall Orte bestanden, wo man sich traf, wo Diskussionen geführt und Aktionen, Demonstrationen und Kampagnen geplant wurden. Parallel entstanden, neben Archiven z.B. zu den Themen Frauen, Umweltschutz oder Antifaschismus, die ersten „Archive Sozialer Bewegungen“ für verschiedene Regionen oder Bundesländer, die ein breites Spektrum von Publikationen der politischen Linken sammelten. Fast alle Archive verstanden sich zu dieser Zeit als Bewegungsarchive, waren also Teil einer aktiven Szene, wollten das Wissen und die Erfahrungen, die in ihren Materialien steckten, für die jeweils aktuellen Anlässe nutzbar machen. Die wenigen größeren Archive, die damals bestanden, dachten schon etwas weiter: sie wollten „verhindern, dass die Geschichte der linken und alternativen Bewegungen zu einer Geschichte der verschollenen Dokumente wird“[2] und entwickelten sich zu Gedächtnisarchiven.

Die Freien Archive und ihre Sammlungen heute

Gegenwärtig dürfte es rund 300 Freie Archive in Deutschland geben. Den zahlenmäßig größten Anteil machen die Umweltarchive aus, gefolgt von den Frauenarchiven, den Archiven der politischen Linken und den Dritte Welt- bzw. Eine-Welt-Archiven. Der Rest von 100 bis 150 Archiven verteilt sich auf das breite Spektrum von Stadtteil- und Bürgerinitiativen, Geschichtswerkstätten, Friedensinitiativen, Arbeitslosenprojekten, Knastgruppen, Selbsthilfegruppen, GlobalisierungsgegnerInnen, Schwulenzentren oder, nach wie vor, Zeitungsredaktionen oder Single-Point-Bewegungen, also Bewegungen, die sich inhaltlich auf ein Thema beschränken.

Die meisten Freien Archive sind von überschaubarer Größe, d.h. ihre Bestände füllen weniger als 200 Regalmeter und dienen vorwiegend der lokalen Literaturversorgung einer bestimmten Szene. Sie haben also die Funktion von alternativen Stadtarchiven bzw. Stadtbibliotheken und verstehen sich oft als Bewegungsarchive. Man sollte sie aber dennoch nicht unterschätzen, weil sie neben den gängigen Zeitungen und Zeitschriften der Gegenöffentlichkeit, die in vielen Freien Archiven gesammelt und gelesen werden, zeitgeschichtlich wertvolle Dokumente besitzen können. Das können Materialien aus ihrer Stadt oder Region, aber auch seltene oder singuläre Unterlagen aus ihrer eigenen politischen Arbeit sein. Daneben gibt es eine bisher nicht genau quantifizierte Gruppe von mittelgroßen Archiven, deren Bestände 200 bis 500 Regalmeter füllen. Über mehr als 500 Regalmeter verfügen ungefähr 10 – 15 Freie Archive; zu dieser Gruppe gehören vor allem die Archive mit einem breitgefassten thematischen Sammelanspruch und einige Frauenarchive.

Von den Dokumentenarten her sind die meisten Freien Archive eine Mischform aus Archiv und Bibliothek, manche nennen sich deshalb auch Infostelle oder Dokumentationszentrum. Fast alle Einrichtungen besitzen Publikationen aus „bürgerlichen“ Verlagen, wenn diese in ihre Themenbereiche fallen. Der Anteil dieser Publikationen ist sehr unterschiedlich verteilt, bei manchen Umweltzentren dominieren die Verlags-Veröffentlichungen. Die meisten Freien Archive verfügen jedoch über einen weitaus größeren Anteil an Grauer Literatur, also über Flugblätter, Broschüren, Dokumentationen, Zeitungen und Zeitschriften aus Selbstverlagen bzw. kleinen alternativen Verlagen, deren Publikationen sich nicht in den etablierten Archiven und Bibliotheken finden. Manche verfügen über große Mengen von Photos, Tondokumenten, Handakten, Filmen und Sammlungen mit lebensgeschichtlichen Interviews, andere hüten Personen-, Gruppen- oder Redaktionsnachlässe, in denen sich zeitgeschichtlich hochinteressante Korrespondenzen befinden, z.B. mit Persönlichkeiten der Zeitgeschichte, die Aufrufe zu Demonstrationen oder Kongressen unterschrieben haben. Einige Archive besitzen umfangreiche Sammlungen von Presseartikeln. Hier sind es besonders einige Frauenarchive, die über Hunderttausende von Zeitungsartikeln verfügen, die unter thematischen Gesichtspunkten oder zu bestimmten Personen angelegt worden sind. Inhaltliche Schwerpunkte anderer Zeitungsausschnittssammlungen sind vor allem Ökologie/Umweltschutz, linke Bewegungen und Antifaschismus.

Frauenarchive und i.d.a.-Dachverband

In den 1970er Jahren wurden erste Archive zur Neuen Frauenbewegung, aber auch retrospektiv zur Alten Frauenbewegung vor 1933 gegründet, zwei weitere Gründungswellen gab es in den 1980er Jahren in der BRD und in den 1990er Jahren in Ostdeutschland. Seit 1983 gibt es regelmäßige Treffen zum Erfahrungsaustausch, im Herbst 2008 fand in Hamburg das 43. Treffen statt – es gibt also hier doch schon eine beachtliche Tradition und Beständigkeit.

1994 wurde mit dem Bestreben, gezieltere Lobbypolitik machen zu können, aus diesen Treffen heraus der  Dachverband der Lesben/Frauenarchive , -bibliotheken und -dokumentationsstellen unter dem Namen „i.d.a. – informieren, dokumentieren, archivieren“ gebildet. In diesem ida-Dachverband sind zur Zeit[3] 36 Einrichtungen aus dem deutschsprachigen Raum zusammengeschlossen: 30 aus Deutschland, drei aus Österreich, je eine aus Luxemburg, Italien und der Schweiz. In Deutschland war und ist die Frauenbewegung eine dezentrale Angelegenheit, deshalb gibt es historisch gewachsen eben diese 30 Einrichtungen und nicht eine zentrale. Damit unterscheidet sich Deutschland von vielen anderen Ländern, wo, sei es in Dänemark, Italien, England oder den Niederlanden, aber auch in Osteuropa oder in anderen Kontinenten in der Regel eine zentrale Einrichtung pro Land existiert. Vor dem Hintergrund dieser dezentralen Archivlandschaft in Deutschland gewinnen Vernetzung und Kooperation große Bedeutung.

Ostarchive

Ab 1989/90, also dem Zusammenbruch des realen Sozialismus, dem Fall der Mauer und der Vereinigung der beiden deutschen Staaten, entstanden im Osten die Aufarbeitungsarchive, aber auch Archive des Unabhängigen Frauenverbands, der Initiative Frieden und Menschenrechte, der Umweltbibliotheken und Grünen Ligen. Überall gründeten sich Stadt- und Musikzeitungen, Frauen- und Schwulenblätter, Literatur- und Jugendzeitungen. Daneben bildeten sich, vorwiegend in den größeren Städten, alternativkulturelle bis linksradikale Zusammenhänge, die ähnlich wie im Westen Infoläden aufbauten und entsprechende Archive anlegten. Den größten Boom erlebten die Umweltbibliotheken, von denen es heute auf dem Gebiet der alten DDR mehr gibt als auf demjenigen der alten BRD.

Schnell entwickelten sich Kontakte zwischen den verwandten Szenen in Ost und West, was u.a. den Nebeneffekt hatte, das im Osten bestehende Bedürfnis nach Informationen, die während der DDR-Zeit nicht zugänglich waren, durch Büchertransfers von West nach Ost zu befriedigen. Verschiedene Fördertöpfe für den Aufbau Ost oder ähnliches halfen, die Umweltarchive und Frauenbibliotheken mit Büromöbeln, Kopierern und PCs auszustatten, das Personal der ersten Jahre wurde aus ABM-Mitteln bezahlt, und viele West-Projekte beneideten die armen Brüder und Schwestern im Osten ob dieser Unterstützung. Im Laufe der Zeit glichen sich die Arbeitsbedingungen der Ost- und der Westarchive einander an.

Workshop der Archive von unten

Von den oben für den i.d.a.-Dachverband der Frauenarchive beschriebenen, einigermaßen trag- und handlungsfähigen Strukturen ist die Freie Archivszene insgesamt noch weit entfernt. Systematische Absprachen bezüglich Arbeitsteilung bzw. Abstimmung von Sammelprofilen gibt es zwischen den Archiven der Neuen Sozialen Bewegungen praktisch nicht. Das liegt an der fehlenden Kommunikation zwischen den Archiven, an fehlenden Personalmitteln und Ressourcen, durch die eine Zusammenarbeit oft scheitert. Doch auch hier ist ein wenig Bewegung entstanden. Seit 2003 tagt alle zwei Jahre der Workshop der Archive von unten, mit dem Ziel, für diese ganze anfangs genannte bunte Gesellschaft ein Forum zu schaffen für Austausch, gegenseitige Unterstützung und möglicherweise an einigen Punkten auch gemeinsame Interessenvertretung. Hier ist noch viel zu tun, aber ein Anfang ist gemacht.

Angefangen hat vor einiger Zeit auch von einigen der Freien Archive aus die Kontaktaufnahme mit dem Verband deutscher Archivarinnen und Archivare (VdA) und den dort zusammengeschlossenen Archiven. Im Februar 2009 ist innerhalb dieses Verbandes ein Arbeitskreis zu den Überlieferungen der Neuen Sozialen Bewegungen gebildet worden mit dem Ziel, an den Sorgen und Bedürfnissen dieser Archive anzuknüpfen, konkrete Hilfestellungen anzubieten und diesbezügliche Veranstaltungen durchzuführen. Als Ort der Begegnung soll der Arbeitskreis eine Brückenfunktion zwischen den „etablierten“ und den „freien“ Archiven einnehmen. Ob’s klappt, wird sich zeigen. In jedem Fall ist es ein interessanter Freilandversuch.

Plädoyer für die Stärkung freier Archive

Abschließend vier kurze Bemerkungen zur Situation der Freien Archive und ihrer Bedeutung in der deutschen Archivlandschaft:

1. Die wichtigsten etablierten Archive haben in den letzten Jahren ihre Sammeltätigkeit bezüglich der Neuen Sozialen Bewegungen eingestellt. Ausdrücklich genannt werden sollen hier das APO-Archiv der Freien Universität Berlin, die Dokumentationsstelle für unkonventionelle Literatur der Bibliothek für Zeitgeschichte in Stuttgart und das Archiv der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn. Begründet wurden diese Maßnahmen immer mit Sparzwängen. Leider hat auch das ID-Archiv im Internationalen Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam sang- und klanglos im Jahr 2003 seine Tätigkeit eingestellt. Damit wird sich die sowieso schon schlechte Quellenlage in den etablierten Archiven in Zukunft dramatisch verschlechtern.

2. Die Neuen Sozialen Bewegungen haben in den letzten Jahrzehnten unter abenteuerlichen Bedingungen eine Fülle von Freien Archiven hervorgebracht, die schon jetzt für die zeitgeschichtliche Forschung von großem Wert sind. Diese Bedeutung wird in den nächsten Jahren noch wachsen, doch an öffentlicher Anerkennung, vor allem aber an Unterstützung ihrer Arbeit, mangelt es.

3. Etablierte Archive und Bibliotheken, aber auch Ministerien und Standesorganisationen, haben immer noch starke Berührungsängste den Freien Archiven gegenüber (einige erfreuliche Ausnahmen bestätigen eher die Regel). Dabei geht es sicherlich um die Verteidigung von Zuständigkeiten und damit verbunden um den Versuch, angesichts einer Verknappung der finanziellen Mittel zunächst einmal die eigene Arbeit zu sichern. Zum andern geht es um politische Vorbehalte, die allerdings selten direkt geäußert werden, sondern sich z.B. hinter Fragen nach der Relevanz der Quellen und dem Hinweis auf Kassationen, die im Falle der Übernahme eines Freien Archivs durch eine etablierte Einrichtung vorgenommen würden, verstecken.

4. In Deutschland fehlt ein Archiv für Sozialgeschichte, wie es beispielsweise das Internationale Institut für Sozialgeschichte (IISG) in Amsterdam für die Niederlande darstellt  -  und wir wagen nicht viel mit der These, dass es in den nächsten Jahrzehnten auch kein solches Archiv geben wird. Umso wichtiger ist es, die Freien Archive zu unterstützen. Ihre Vielschichtigkeit ist eine Bereicherung, weil sie die Überlieferung sonst unzugänglicher Quellen sichern und ganz nebenbei zur lokalen und regionalen Literaturversorgung beitragen. Ohne sie wäre der kulturelle Garten des Landes ärmer - und sein Gedächtnis wiese bedenkliche Lücken auf.

Jürgen Bacia (afas-archiv@t-online.de) ist Leiter des Archivs für alternatives Schrifttum in Duisburg. Mehr hier .  Cornelia Wenzel (wenzel@addf-kassel.de) ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Archiv der deutschen Frauenbewegung in Kassel. Mehr hier 

Ihr Artikel basiert auf verschiedenen Aufsätzen und Vorträgen, die die AutorInnen in den letzten Jahren geschrieben bzw. gehalten haben. Weitergehende Informationen zu den Freien Archiven und weiterführende Literatur sind über die AutorInnen erhältlich.

In der Tagungsdokumentation „Lebendige Erinnerungskultur für die Zukunft. 77. Deutscher Archivtag 2007 in Mannheim“ (Hrsg. vom Verband deutscher Archivarinnen und Archivare, Fulda 2008) finden sich drei Artikel zum Thema:

Jürgen Bacia: „Die freie Archivlandschaft in Deutschland. Ein Überblick über Sammlungen, Arbeitsweise und Bedeutung der freien Archive“

Reiner Merker: „Spannungsfeld zwischen Aufarbeitungsinitiative und klassischem Archiv. Arbeitsbedingungen und Bedeutung der DDR-Oppositionsarchive“

Cornelia Wenzel: „Vergessen sie die Frauen nicht! Zur historischen Überlieferung von Frauenbewegungen in Deutschland.“

Anmerkungen

[1] Peter Dohms: Die Bedeutung freier Archive als Sammelstellen für nichtstaatliches Schriftgut; in: Archiv für alternatives Schrifttum, Reden zur Ausstellungseröffnung in der Deutschen Bücherei Leipzig. Duisburg 1997, S. 26, 31 und 33

[2] Archiv für alternatives Schrifttum : Zeitschriften Bestandskatalog 1. Hrsg. v. Jürgen Bacia/Erna Gronemann/Luisa Morgentau. Duisburg 1988, S. 7

[3] Stand März 2009


11.05.2009

Bildgedächtnis und Bürgerkriege – Eine Skizze

Das Beschweigen von Schuld, Kollaboration und Mitläufertum stand am Anfang der Mythenbildung zur Bewältigung des Zweiten Weltkriegs, resümiert Monika Flacke. weiterlesen[Internal]


 

07.05.2009

Kiek mol – den Stadtteil erkunden

In Hamburg beschäftigen sich 15 Geschichtswerkstätten und Stadtteilarchive mit Geschichte und Zukunft ihrer Stadt, berichtet Margret Markert. weiterlesen[Internal]


 

28.04.2009

Kultur erfahren

Der Kultur- und Städtetourismus wird als „dynamischer und wachsender Markt“ eingeschätzt. Drei Viertel seiner Attraktionen wurden erst in den letzten 30 Jahren entdeckt. weiterlesen[Internal]


 

20.04.2009

Gedenkort Gestapoknast

Werner Jung über das NS-Dokumentationszentrum Köln als Ort des Gedenkens, Lernens und Forschens. Auch die Beschäftigung mit Neonazis gehört zum Programm der größten lokalen NS-Gedenkstätte bundesweit. weiterlesen[Internal]


 

06.04.2009

Erinnerungen an die verschwundene Gegenwart

Vor fast zwei Jahrzehnten gab der Kunstpädagoge Wolfgang Zacharias ein Buch mit dem Titel „Zeitphänomen Musealisierung“ heraus. Seither ist die Zahl der Museen weiter gewachsen. Nachgefragt ... weiterlesen[Internal]


 

6 bis 10 von 15

< zurück

1

2

3

vor >