Kultur macht Europa - 4. Kulturpolitischer Bundeskongress
11.05.2009

Bildgedächtnis und Bürgerkriege – Eine Skizze

Monika Flacke

Nach dem Zweiten Weltkrieg sahen die verschiedenen europäischen Nationen die einzige Möglichkeit, sich zu befrieden, indem Schuld, Kollaboration und Mitläufertum beschwiegen wurden. Nicht selten wurde eine Widerstandserzählung erdacht, um einen friedlichen Neubeginn in Europa möglich werden zu lassen und die Einheit der Nation herzustellen. In Ländern, in denen diese Mythenbildung misslang, ging der Krieg als Bürgerkrieg weiter.

Der Mythos von der widerständigen Nation besaß meist eine solche Überzeugungskraft, dass er bei der Mehrheit der Bevölkerungen verfing. Auch die Deutschen, die den Krieg begonnen hatten, fühlten sich mehrheitlich unschuldig. Sie sahen sich in der Bundesrepublik als verführt oder schuldlos an und wurden in der DDR als antifaschistische Widerstandskämpfer kollektiv freigesprochen.

Es waren zum großen Teil Bilder, die diese Mythen konstruierten und den Nationen ein Nachkriegsleben ermöglichten. Ich zitiere Horst Bredekamp: „Bilder stehen zur Welt der Ereignisse in einem gleichermaßen reagierenden wie gestaltenden Verhältnis. Sie geben Geschichte nicht nur passivisch wieder, sondern vermögen sie (...)  zu prägen: als Bildakt, der Fakten schafft, indem er Bilder in die Welt setzt." (Mythen der Nationen. 1945 – Arena der Erinnerungen. Berlin, 2004 – S. 29-66). Bildakte beschleunigten den friedlichen Wiederaufbau der Nationen, aus Kriegs- wurden Widerstandsgeschichten. Da diese neuen Mythen einen Realitätsbezug haben mussten, speiste sich die Saga des Aufbegehrens aus Bildern, die im Zweiten Weltkrieg entstanden waren oder aus realen Situationen, die sich im nachhinein zu Widerstandserzählungen umdeuten ließen.

Neue Mythen

Als Beispiel sei der Film „Rom offene Stadt“ von Roberto Rossellini genannt, der 1944/45 das Nein-Sagen des italienischen Volkes thematisierte. In seinem berühmten Film „Roma città aperta” gelang es Roberto Rossellini, die Einheit zwischen Volk und Partisanen zu beschwören. Gemeinsam steht man gegen die Besatzer auf. Die wichtigste Szene des Filmes zeigt den fast zu Tode gefolterten Kommunisten Manfredi, dem der Priester Don Pietro in der letzten Sekunde seines Lebens noch zuflüstern kann, dass er nichts verraten habe. Einer trägt des anderen Last, katholischer Priester und kommunistischer Vorkämpfer sind durch ihre Gegnerschaft verbunden. Sinnfälliger kann ein Widerstandsmythos nicht konstruiert werden. Dieser Film beeinflusste wie kein anderer das Verständnis der Nazigegner in Italien und trug entscheidend dazu bei, dass „Volk“, „Kirche“ und kommunistische „Resistenza“ eine Einheit bilden konnten. Das Beispiel zeigt auch, wie früh der Film und damit die Bilder eingesetzt wurden, um die Idee der Einheit der Nation zu untermauern.

Neben den Ländern, die nach 1945 ihre Wurzeln im Widerstand entdeckten, gab es auch welche, in denen der Krieg als Bürgerkrieg weiterging - so beispielsweise in Griechenland. Als dieser Konflikt 1949 beendet wurde, konnte es keine Erinnerung an die gemeinsame Opposition geben, da die Parteien gegeneinander Krieg geführt hatten. Noch immer ist das griechische Volk in seiner Erinnerung tief gespalten. Aus diesem Grund wird dort bis heute nicht des Kriegsendes gedacht. Stattdessen feiert man den 28. Oktober 1940. An diesem Tag lehnte Ministerpräsident Metaxas ultimative italienische Gebietsforderungen ab. Den darauffolgenden Angriff der Italiener konnte die griechische Armee abwehren. So symbolisiert der 28. Oktober das „Ochi“ (Nein), das scheinbar alle Griechen ihren Invasoren 1940 entgegenhielten. Im kollektiven Gedächtnis ist dieser Tag als der Beleg für die Unbesiegbarkeit der griechischen Armee eingetragen und unter dem Stichwort „Zusammenhalt der Nation“ gespeichert. 1941 wurde Griechenland von den Deutschen besetzt und die Armee kapitulierte. Daran jedoch wird offiziell nicht erinnert. Am Vortag des Nationalfeiertags, am 27. Oktober, feiern alle Schulen des Landes ein Fest. Die Wände zieren Parolen wie „Nein“, „Hoch lebe die Nation" und „Es lebe der 28. Oktober 1940“.

Dieses „Nein“ ist auch beliebtes Motiv für Spielzeuge: In kleinen Papierkulissen mit Berglandschaften verteidigen Soldaten ihr Griechenland. Ein mit Lorbeer umkränztes „Ochi“ (Nein) steht wie eine Verheißung über allem. Seit 1945 hat sich an dieser gedanklichen Prozession nichts geändert. Das „Nein“ ist das einzige Widerstandssymbol, an das Linke wie Rechte lange Zeit gemeinsam erinnern konnten, ohne über die Grundlage dafür nachdenken zu müssen.

Paradigmenwechsel

Viele Länder des östlichen Europas erlebten nach 1945 gezwungenermaßen ein Paradigmenwechsel. Ganz gleich, ob sie vom Deutschen Reich besetzt oder mit ihm verbündet waren, nach dem Krieg sah man sich als vom Faschismus befreit an. Die Geschichte der Befreier diktierte die Sowjetunion und sorgte damit auch hier für eine Befriedung der Länder. Allerdings gelang das nur, in dem nationalen Erfahrungen unterdrückt wurden. Die Folgen wurden nach 1989 spürbar.

Doch rückte bereits in den 1960er und 1970er Jahren auch in den kommunistisch regierten Ländern das Nationale mehr oder weniger in den öffentlichen Diskurs. Seit den späten 1980er Jahren erleben wir einen neu entbrannten „Kampf um das Gedächtnis“, der mit einer Abwendung vom Deutungsmonopol sozialistischer Regime verbunden ist. Die eigene jüngere Geschichte wurde neu bewertet. Zu den brennenden Themen zählen der sowjetische Terror und die Deportationen. Es war nicht zuletzt dieser Kampf, der zum Zerfall der Sowjetunion, Jugoslawiens oder der Tschechoslowakei beitrug und die Nationen neu spaltete.

Aus sowjetischer Sicht war beispielsweise Lettland 1940 freiwillig dem Moskauer Imperium beigetreten. Folgerichtig behandelte man das baltische Land nach der sogenannten „Befreiung“ 1944 wieder wie eine Sowjetrepublik. Dabei wurden die lettischen Perspektiven, Erfahrungen und Unabhängigkeitstendenzen brutal unterdrückt. Schon 1940 hatten die sowjetischen Besatzer das Land mit einer Schreckensherrschaft überzogen. Stalin ordnete Deportationen an und ließ im Juni 1941 vermutlich 16.000 Menschen in das Innere der Sowjetunion verschleppen. In der Lettischen Sowjetrepublik durfte weder an die rollenden Züge erinnert noch die Fremdherrschaft des Kreml in Frage gestellt werden. Die Folge dieser Geschichtspolitik war, dass sich Lettland nur im Exil und im Untergrund an Krieg, Gewaltherrschaft und nationalen Selbstbehauptungswillen erinnern konnte. Eine kritische Aneignung dieser Geschichte war unter diesen Umständen nicht möglich. Als Lettland Anfang der neunziger Jahre seine Unabhängigkeit feiern konnte, bildete diese Exil- und Untergrundgeschichte das Fundament einer neuen Leiterzählung.

60 Jahre nach dem Verlust der nationalen Unabhängigkeit Lettlands wurden die Vorgänge des Sommers 1940 zum Thema eines lettischen Spielfilms („Baigā vasara”, dt.: Der schreckliche Sommer). Der Film stellte die Ereignisse anders dar. Galt in kommunistischer Zeit die Rote Armee als Befreiungstruppe, offenbart dieser Film nun endlich die Angst der Menschen vor den Besatzern. Aus dem freiwilligen Beitritt Lettlands zur Sowjetunion wird eine gewalttätige militärische Invasion.

In einem Filmausschnitt rollen sowjetische Panzer durch die Straßen Rigas, während Präsident Ulmanis seinen Amtssitz verlässt. Sein letzter Blick auf die lettische Fahne, bevor sie eingeholt wird, zeigt das Ende des freien Lettland.

Äußerst problematisch für den nationalen Mythos ist auch die Zeit der deutschen Besatzung zwischen Ende Juni / Anfang Juli 1941 bis Anfang 1944. Die Angehörigen der lettischen Legion der Waffen-SS galten in der sowjetischen Erzählung als Verräter, Faschisten und Kriegsverbrecher, die sich durch die Flucht ins westliche Exil ihrer gerechten Bestrafung entzogen hatten. In der lettischen Deutung waren und sind sie bis heute entweder Helden, Verführte oder Opfer. So wird die Frage nach Kollaboration und Schuld nicht berührt, die Letten sehen sich allein als Unterdrückte.

Kriegserinnerungen

Wie mit der Geschichte des Zweiten Weltkrieges umgegangen wird, das wird bis heute kontrovers diskutiert. Die Rezeption der Vergangenheit verläuft in Phasen, die sich zwischen Aneignung und Schweigen, Neukonfiguration der Mythen oder auch der Wiederkehr der alten Heldengeschichten aus dem Krieg bewegen können. Die Diskussion um die Meistererzählung, ihr allmähliches Infragestellen bis hin zum Entstehen eines neuen Gedächtnisses war und ist abhängig von den gesellschaftlichen Entwicklungen. Diese konnten die kritische Aneignung befördern wie behindern.

Als sich die westeuropäischen Gesellschaften in 1960er Jahren stabilisierten, gelang das nur, indem sie sich mit dem schwierigen Erbe auseinander setzten. Der Völkermord an den europäischen Juden war zumeist  der Anlass, sich mit der eigenen Schuld, dem Versagen und dem Mitläufertum zu beschäftigen.

In manchen Ländern hat die zweite und dritte Nachkriegsgeneration die nach dem Krieg gefundene Meistererzählung heftig diskutiert. Nicht immer führte der Streit um Kollaboration und Widerstand, Opfer- und Heldentum zu einer neuen Leiterzählung, einige Gesellschaften kehren und kehrten zu den alten Mythen zurück.

Das Beschweigen, bzw. das Nichtreden über die schmerzhafte, konfliktreiche und damit hochexplosive Erinnerung hat in der ersten Phase nach dem Zweiten Weltkrieg geholfen, Bürgerkriege zu beenden oder zu verhindern und die Koexistenz der Staaten ermöglicht. Erst nachdem sich die Länder stabilisierten, ist es denkbar, das Schweigen zu brechen. Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und an den Völkermord ist ein zentraler Bestandteil der europäischen Öffentlichkeit. Und es darf davon ausgegangen werden, dass die unterschiedlichen Geschichtskonstruktionen zum Zweiten Weltkrieg in einer „Arena der Erinnerungen“ umkämpft bleiben werden - mit möglichen Folgen für die Stabilität der Gesellschaften.

Dr. Monika Flacke ist Sammlungsleiterin am Deutschen Historischen Museum (mehr hier ). In ihrem Beitrag resümiert sie Texte, die in ihrem Buch Monika Flacke (Hg.): „Mythen der Nationen. 1945 - Arena der Erinnerungen“, Berlin 2004 veröffentlicht wurden; insbesondere:

Etienne François: „Meistererzählungen und Dammbrüche: Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg zwischen Nationalisierung und Universalisierung“;

Horst Bredekamp: „Bildakte als Zeugnis und Urteil“;

Despoina Karakatsan, Tasoula Berbeni :„Griechenland. Doppelter Diskurs und gespaltene Erinnerung“;

Jutta Scherrer: „Sowjetunion/Russland. Siegesmythos versus Vergangenheitsaufarbeitung“; Eva-Clarita Onken: „Lettland. Wahrnehmung und Erinnerung: Der Zweite Weltkrieg in Lettland nach 1945“.

 


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