Kultur macht Europa - 4. Kulturpolitischer Bundeskongress
07.05.2009

Kiek mol – den Stadtteil erkunden

Margret Markert

„An der Ecke war doch früher…Erinnern Sie sich….Wir haben noch“, so fängt es oft an, wenn Hamburgerinnen und Hamburger sich für ihre unmittelbare Umgebung interessieren und nach seiner Entwicklung gestern, heute und morgen fragen. Hamburgs Geschichtswerkstätten sind dafür da, diesem regen Interesse nachzugehen. Und das durchaus wörtlich zunehmende Motto heißt: Fang vor der eigenen Haustür an und „Grabe, wo du stehst!“ Bei der Grabungsarbeit leisten die Geschichtswerkstätten fachliche Unterstützung und ermutigen Bürgerinnen und Bürger, selbst fündig zu werden. In Zusammenarbeit mit Zeitzeugen sind sie der Geschichte auf der Spur, die sonst  wenig Beachtung findet: dem Alltag der „kleinen Leute“, den lokalen Gewerbetreibenden, den kleinen und großen Veränderungen im Quartier. Sie kümmern sich um den Schutz historisch bedeutsamer Bausubstanz und leisten wichtige Beiträge für die Stadtteilentwicklung. Denn nur wer seine Geschichte kennt und lebendig hält, kann die Zukunft bewusst gestalten. Erst diese enge Verbundenheit mit den Menschen vor Ort und die Aktivierung eines breiten  ehrenamtlichen  Engagements macht Hamburgs Stadtgeschichte lebendig und stärkt die lokale Identität.

Dezentrales Stadtgedächtnis

15 Hamburger Geschichtswerkstätten und Stadtteilarchive sorgen dafür, dass jährlich Zehntausende genauer hinsehen, wenn es um ihren Stadtteil, dessen Geschichte und Zukunft geht. Geschichtswerkstätten sind mit ihrer großen Mobilisierung ehrenamtlicher Arbeit Beispiel für einen rekordverdächtigen produktiven Mitteleinsatz und sparsames Wirtschaften. Insgesamt leisten hier jährlich über 250 Menschen mehr als 30.000 Stunden unbezahlte engagierte Arbeit für Hamburg. Zusätzlich tragen zusammen über 800 Vereinsmitglieder die Arbeit der Geschichtswerkstätten. Die umfangreiche ehrenamtliche Tätigkeit ist nicht ohne professionelle Basis, Fachkompetenz, Kontinuität und Infrastruktur möglich. Diese historisch-archivalisch und pädagogisch qualifizierte Arbeit wird gegenwärtig auf Basis von sieben Fachpersonal-Stellen erbracht, die zwölf Personen innehaben und aktiv ausfüllen.

Die Hamburger Geschichtswerkstätten bewahren insgesamt über 95.000 Fotodokumente, über 1.000 Zeitzeugeninterviews als Audiodokumente sowie über 22.000 stadteilbezogene Bücher und Schriften. Seit ihrer Gründung haben sie rund 300 Ausstellungen realisiert, über 200 Bücher herausgegeben, über 1.000 Aufsätze und Beiträge zu Hamburgs Stadtteilen publiziert. Mehr als 50.000 Menschen nutzen jährlich die lokalen Archive mit ihren Angeboten, darunter über 10.000 Schülerinnen und Schüler. Zudem unterhalten die Geschichtswerkstätten denkmalgeschützte Gebäude, Ausstellungsräume, Stadtteilmuseen, ein Bunkermuseum und andere lokale Gedenkstätten. Da wären z.B. das Bunkermuseum Hamm, das Denkmal Zwangsarbeiterbaracke Fuhlsbüttel, die alte Drahtstiftefabrik in Ottensen oder die zeitgeschichtlichen Veranstaltungsreihen in Eimsbüttel.

Orientierung in einer globalisierten Gesellschaft kommt nicht ohne Verortung aus, nicht ohne Wissen um den eigenen Lebensstandort, nicht ohne Verantwortung für das unmittelbare Lebensumfeld. Hamburgs Geschichtswerkstätten stärken diese Orientierung und Verantwortlichkeit. Sie wirken integrativ in sich rasch verändernden Stadtteilen. Mit begrenzten materiellen und bedeutenden ideellen Ressourcen realisieren sie beispielhafte, auch international vernetzte Projekte, entwickeln innovative Angebote für vielfältige Nutzergruppen und bringen erfolgreich Alt und Jung zusammen.

Im Jahr 2003 wollte der Hamburger Senat dieser besonderen Kultursparte die Grundlage entziehen. Die komplette Streichung der Fördermittel war schon beschlossen, wurde dann aber durch große öffentliche Proteste „abgemildert“ in die Kürzung um 25 % - damals ein Anteil von mal gerade 0,25% des gesamten Kulturetat der Stadt Hamburg. Im Jahr 2008 hat der Verbund der Hamburger Geschichtswerkstätten mit Hilfe der Stadt eine Stiftung gegründet, die die finanzielle Basis der vielen Archive sichern hilft. Die „Stiftung Hamburger Geschichtswerkstätten und Stadtteilarchive“ möchte soviel Kapital sammeln, dass von den Erträgen jedes Jahr eine Menge zusätzlicher Projekte, Ausstellungen und Veröffentlichungen der Geschichtswerkstätten gefördert werden. Auch neue Initiativenkönnen so eine Starthilfe bekommen. Dafür arbeitet der Stiftungsbeirat, dem Persönlichkeiten aus der Hamburger Kultur, Politik und Wissenschaft angehören. Das monatlich tagende Geschichtswerkstätten-Plenum hat sich für 2009 eine große Aktion vorgenommen, um ihre Arbeit in der Öffentlichkeit besser zu präsentieren: Anfang November wird das Hamburger Rathaus dafür Schauplatz sein. In Kooperation mit dem Hamburger Lichtkünstler Michael Batz wird das Stadtgedächtnis aufgeblättert: historisches Fotos aus allen Stadtteilen werden auf den Rathausturm projiziert.

 „Grabe, wo du stehst!“

Die Geschichtswerkstätten-Bewegung ist vor 25 Jahren angetreten, ein neues Forschungsfeld in den Geschichtswissenschaften zu entdecken: unter der Devise des schwedischen Historikers Sven Lindquist „Grabe, wo du stehst!“ und mit Blick auf die schon viel länger existierenden Oral-History-Bewegungen in den angelsächsischen Ländern wurde das Lokale, Kleinräumige und das Alltagsleben und die Erfahrungen der dort lebenden Menschen zum Thema, die so genannten „kleinen Leute“, die vorher nie als gestaltenden Kraft von Geschichte gesehen worden waren. Dieser Ansatz war in der Anfangsphase eng mit dem zentralen Thema Nationalsozialismus verbunden. Es ging nicht nur darum, die unbequemen Fragen an die Tätergeneration, die wir damals als mit unserer Elterngeneration identisch sahen, zu stellen, sondern es ging noch um etwas anderes: Mit dem genauen Blick auf die gesellschaftlichen Machtverhältnisse, auf ganz bestimmte Personen in einem überschaubaren Stadtteil, einer Kleinstadt oder ländlichen Region und deren Rollen und Handeln vor und nach 1933 sollte aufgeklärt werden, wie sich die NS-Diktatur unter so großer Zustimmung der Bevölkerung etablieren konnte. Täter, Mitläufer und Opfer sollten unterscheidbar werden und ein differenziertes Bild der deutschen Gesellschaft in der Diktatur gezeichnet werden. Heute können wir feststellen, dass die Geschichtswerkstätten immer noch ganz zentral mit diesem Thema identifiziert werden, ihr Themenspektrum jedoch ist viel größer geworden.

Beispiel Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg & Hafen

Wilhelmsburg ist ein Stadtteil südlich der Innenstadt, nah am Hafen, der vor noch nicht einmal 25 Jahren eine sozialdemokratische Hochburg war. Also ein Ort, an dem die Geschichte der so genannten „kleinen Leute“ sich hervorragend studieren lässt. Hier hatten seit Beginn der 1980er Jahre rechtspopulistische und solche Parteien mit fremdenfeindlicher Programmatik durchschlagende Wahlerfolge. Diese Entwicklung: von der SPD-Hochburg zum rechtspopulistischen Milieu, lässt sich an vielen von Industrie geprägten Arbeiterquartieren in deutschen Großstädten beobachten.

Was für ein Viertel ist Wilhelmsburg? Heute ein multikultureller Stadtteil mit einem Anteil von nicht-deutscher Bevölkerung von über 34 %. Das wird in den Medien überwiegend als Problem dargestellt im Zusammenhang mit der Entstehung so genannter Parallelgesellschaften, wachsendem Islamismus und den Sprach- und Bildungsproblemen der jüngeren Migrantengeneration. Alle diese Entwicklungen haben historische Ursachen und Hintergründe, nach denen die Geschichtswerkstatt seit Beginn ihrer Arbeit fragt.

Es gibt seit einigen Jahren aber auch einen anderen Blick auf Wilhelmsburg: der Stadtteil kommt – nicht zuletzt wegen seiner starken historischen Substanz in Form von gewachsenen Altbauquartieren – in den Focus der hamburgischen Stadtentwicklung. „Sprung über die Elbe“ heißt die Vision, mit der die Elbinsel Wilhelmsburg „zukunftsfähig“ gemacht werden soll. Die internationale Gartenschau IGS wird 2013 in Wilhelmsburg stattfinden; gleichzeitig ist eine internationale Bauausstellung geplant. In Szenekreisen jüngerer Leute wird Wilhelmsburg als Ort entdeckt, schon kann man das Gerücht vernehmen, es sei „cool“, hier zu wohnen. Selbst in SPD-Kreisen raunt man sich zu: „Wilhelmsburg kommt!“ Damit etwas kommt, muss man sich auch auf die Geschichte beziehen. Denn das ist ja gerade das, was Wilhelmsburg zum Standort macht, diese spezielle Identität, die noch ein bisschen nach Elbinsel, nach bäuerlicher Tradition, kleinstädtischem Milieu und einer Prise Arbeiterkultur schmeckt. Und dazu das Multikulturelle, das man ja auch als Internationalität sehen kann, also nicht nur als Problem, sondern als Potential. Fazit: die einen machen Wilhelmsburg in Grund und Boden schlecht während die anderen munkeln, dies sei das Szeneviertel der Zukunft. Wie macht man an einem solchen Ort Geschichte? Für wen, für welches Publikum veranstalten wir Ausstellungen, organisieren wir Stadtteilrundgänge und bringen Bücher heraus? Und mit welchem Ziel? 

Gründungsphase

Die Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg hat ihren Sitz in einem denkmalwürdigen Fabrikbau von 1906, heute das Stadtteil-Kulturzentrum Honigfabrik. Wenige Jahre nach Gründung der Honigfabrik, dessen Keimzelle eine Jugendzentrums-Initiative war, fand sich eine Gruppe im Zentrum, die begann, sich mit der Lokalgeschichte zu beschäftigen. Zunächst in Kooperation mit anderen Stadtteileinrichtungen, dann eigenständig, wurden erste Ausstellungen realisiert. Finanzierungshilfe kam in Form von Projektmitteln aus der Kulturbehörde Hamburg. Die Anfangsmotivation war das Interesse an der Entwicklung des Arbeitervorortes, dessen kulturelles „Erbe“ noch spürbar war. Der andere Impuls war die Infragestellung der herkömmlichen Geschichtsschreibung auf der Elbinsel, die sich fast ausschließlich auf die bäuerlichen Traditionen bezog und einer sehr engen Fixierung auf die Geschichte der Herzogsfamilien und Königshäuser anhing, die im Laufe der Jahrhunderte ihre Herrscherkarrieren zwar mit Wilhelmsburg verbunden hatten – Georg-Wilhelm zu Braunschweig-Lüneburg kaufte die Insel 1672, um seiner Braut zum Adelstitel zu verhelfen - , deren Wirken aber auf das Leben der Inselbewohner wenig Einfluss hatte.

Erinnerungskultur

Die Themenauswahl der Geschichtswerkstatt war immer der Versuch einer Verbindung eigener Ideen, eigenen Interesses mit den Anregungen und Impulsen aus dem Umfeld – sei es die Geschichtswerkstätten-Szene oder das Stadtteil-Umfeld. Unser Einstiegsthema in die Lokalgeschichte war die Einwanderung, weil sie das Schlüsselthema im Zusammenhang  mit der Industrialisierung und Stadtentwicklung Wilhelmsburgs ist, in der bisherigen Lokalgeschichtsschreibung aber fast vollständig ausgeblendet wurde. Der Impuls kam über die langjährige Zusammenarbeit der „Bürgerinitiative ausländische Arbeitnehmer e.V.“ mit der Honigfabrik. Ziel des Ausstellungsprojektes unter dem Titel „Einwanderer – Einwohner – Einheimische?“ war es, mit einer Rückschau auf die Geschichte der polnischen Einwanderung nach Wilhelmsburg zu Beginn des Industrialisierungsprozesses eine Beispielgeschichte  zur „gelungenen Integration“ von Zuwanderern zu erzählen. Denn genau dies: Scheitern oder Gelingen der aktuellen Zuwanderung der so genannten Gastarbeiter war der Bezugspunkt; wachsende Fremdenfeindlichkeit im Stadtteil deren aktuelles Symptom.

Die Ausstellung wurde ein großer Erfolg – nicht in erster Linie wegen ihrer herausragenden Qualität, sondern weil sie eine Diskussion anstieß und in die Stadtteilöffentlichkeit trug, die bis dahin nur in Fachkreisen geführt worden war. Natürlich hatten wir die üblichen Anfängerfehler begangen: Textlastigkeit und Überfrachtung. Schlüsselinhalte hätten übersetzt werden müssen – zumindest in Türkische. Doch bei der Gestaltung brachten wir ungewohnt neue Visualisierungen zustande. Ein Anfang war gemacht, mit dem die Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg identifiziert werden konnte. Das Thema Migration lief im Untertext in vielen folgenden Projekten mit und wird seitdem immer wieder aufgegriffen.

Ein weiteres Beispiel für unseren Ansatz ist die Ausstellung „Fährstraße – Biografie einer Straße“. Sie war der Versuch, im genauen Blick auf den Mikrokosmos einer Straße die Geschichte der Stadtwerdung Wilhelmsburgs zu erzählen. Nicht in einer herkömmlichen Ausstellung am herkömmlichen Ort, sondern indem wir die Straße selbst zum Ausstellungsraum machten. In zwölf Geschäften dieser Hauptstraße des Viertels – vom Bäcker über die Blumenhandlung bis zur Kneipe – konnte man die Industrialisierung der Insel, die Stadtentwicklung Wilhelmsburgs, nachvollziehen.  Das Konzept lebte von der aktiven Beteiligung der Gewerbetreibenden im Quartier und erschloss auf diese Weise ganz neue Publikumsschichten, die wir sonst nicht erreicht hätten. Das Projekt wurde 1997 aus Mitteln einer Image-Kampagne zur Verbesserung der Außendarstellung des Stadtteils finanziert. Die Stadt förderte so Geschichte als Standortfaktor – so könnte man es jedenfalls nennen. Ein wichtiges Motiv war natürlich immer wieder die Beschäftigung mit den Inhalten, die in der Geschichtswerkstätten-Bewegung aktuell waren. Das war über einen längeren Zeitraum der Nationalsozialismus.

1993 stellten wir „Zerbrochene Zeit – Wilhelmsburg im Nationalsozialismus“ aus. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Geschichtswerkstatt so weit etabliert, dass sie von vielen wahrgenommen wurde, die in der Wilhelmsburger Lokalpolitik und –Verwaltung aktiv gewesen waren. Es entwickelte sich eine intensive Zusammenarbeit mit dem ehemaligen Ortsamtsleiter Hermann Westphal, der zwischen 1962 und 1977 amtiert hatte, einem Sozialdemokraten mit widerständiger Vergangenheit in der Naziherrschaft. „Zerbrochene Zeit“ stellte einerseits drei Biografien aus dem kommunistischen und sozialdemokratischen Widerstand gegen Hitler vor, aber auch den nationalsozialistischen Alltag aus der Perspektive der unauffälligen „Mitläufer“, Texte über den Bombenkrieg und die Auswertung von Schüleraufsätzen aus dem einzigen Gymnasium Wilhelmsburgs, in denen angehende Abiturienten der frühen Nachkriegszeit ihre Erziehung im Nationalsozialismus und die eigene Kriegserfahrung reflektieren.

Geschichte und Stadtentwicklung

Das Interesse für Sanierung und Stadtteilentwicklung hat immer einen wichtigen Platz in der Arbeit der Geschichtswerkstatt eingenommen. Dabei waren wir oft „Anwalt“ für den Erhalt historisch bedeutsamer Gebäude. Es gab aber auch Fälle, in denen wir uns dagegen entschieden: Den Abriss des Marmara-Hochzeitssaals, der in seiner über 100-jährigen Geschichte als Stübens Etablissement ein wichtiger kultureller Mittelpunkt Wilhelmsburgs gewesen ist, kommentierten wir mit einer historischen Abschiedsrevue unter Mitwirkung von über 70 Menschen aus der örtlichen Kulturszene und den Vereinen. Das anschließend veröffentlichte Buch „Mehr als ein Ballhaus“ dokumentierte die Erinnerungen an das fast einzige Gebäude, das sowohl für die einheimische Bevölkerung, als auch für die Migranten ein zentraler Versammlungsort war. Ein Ort, der Menschen in dem Gefühl vereinigte, dass es etwas mehr gibt als den Arbeitstag – einen Ort gemeinsamer Geschichte.

Eine andere Ausstellung über den vollständigen Abriss eines gewachsenen Wohn- und Werftenquartiers mitten im Hamburger Hafen beschäftigte sich intensiv mit dem Verlust, der dieser Abriss für die dort lebenden Menschen bedeutet hat, die bis heute eine enge Verbindung halten, obwohl sie in alle Winde zerstreut leben. Was Stadtplaner und Stadtsoziologen als „urbanes Flair“ bezeichnen – darüber geben die ehemaligen Neuhofer sehr detailreich Auskunft. Die Ausstellung und das gleichnamige Buch hatten den Titel: „Neuhof – das andere Hafenleben. Vom Verschwinden eines Ortes“. Dies Projekt brachte uns in einer Kritik im NDR das Lob ein: „So, genau so müssen Stadtteilbücher gemacht sein!“

Aufbruch, wohin?

Für die Themen der Zukunft der Gesellschaft hat ein Stadtteil wie Wilhelmsburg eine Brennglas-Funktion; hier werden manche dieser Fragen früher gestellt und diskutiert. Und die Geschichtswerkstatt hat viele dieser Fragen zu ihrem Gegenstand gemacht. Doch nicht nur was die Inhalte anbelangt, hat sie neue Wege beschritten und sich bemüht, interessanten Inhalten immer auch eine gute Form zu verpassen. Gerade in Fragen der Methodik und der Arbeitsweise haben die Geschichtswerkstätten insgesamt in den letzten 15 Jahren einiges geleistet. Sie waren Innovationsmotor für geschichtspädagogische Methodik, erwähnt sei hier nur die „Rundgangskultur“, die die Geschichtswerkstätten erfunden haben und die heute von vielen anderen Institutionen aufgegriffen und kopiert wird. Sie haben die Oral-History-Methodik weiter entwickelt und ihre Anerkennung in der Geschichtswissenschaft mit befördert. Und sie haben als Orte für Teamwork und bürgerschaftliches Engagement Schwellenängste vor Museum und Wissenschaftsbetrieb herabgesetzt und die Menschen vor Ort angeregt, Geschichte kennen zu lernen und lebendig zu halten. Denn nur wer das tut, kann sich in Zeiten der Globalisierung orientieren und Wurzeln schlagen.

Nostalgie oder Zukunftsfähigkeit?

Gegenwärtig scheint Geschichte wieder in zu sein. In Zeiten des mit der Globalisierung verbundenen Ortsverlustes ist die Gefahr des tendenziellen Verschwindens von Bindungen und Beheimatung groß. Ist die Rückbesinnung auf die Geschichte reine Nostalgie oder ein Gegenmittel? Geschichtswerkstätten liefern anschauliche Erzählungen über diese Verluste, sie machen deutlich, was eigentlich uns verloren geht. Diese Reisen in die Vergangenheit sind nützlich zum Verstehen der rasanten Veränderungen. Sie machen aber auch sichtbar, wie reich eine Gesellschaft ist, die sich erinnert: an Erfolge und Niederlagen, Fortschritt und Rückschritte, Katastrophen und Aufbrüche. Und sie pflegen den Dialog der Generationen.

In postmodernen Zeiten können auch wir uns dem allgemeinen Zwang zur Modernisierung der Produkte, die wir anbieten, nicht verschließen. Wie wäre es, wenn wir unsere Stadtteilerkundungen zukünftig unter dem Motto „History to go“ anbieten? Lässig, wie mit einem Becher Latte Macciato in der Hand, schlendert der abgeklärte Mensch des 21. Jahrhunderts mit uns durch seinen Stadtteil, gut gerüstet mit der Portion Geschichte, die er braucht! Also, brechen wir auf!

Margret Markert ist für die Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg & Hafen im Kulturzentrum HONIGFABRIK tätig. Mehr hier .

Informationen zur Stiftung Hamburger Geschichtswerkstätten finden Sie hier

Das Forum 10 des Kulturpolitischen Bundeskongresses beschäftigt sich mit dem Thema Geschichte für alle und von allen Geschichtsvermittlung in der (sozio-)kulturellen Praxis. Mehr hier[Internal] 

 


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