Kultur macht Europa - 4. Kulturpolitischer Bundeskongress
28.04.2009

Kultur erfahren

Deutsche Städte verfügen in aller Regel über eine große kulturelle Infrastruktur, die für die Nutzung durch das ortsansässige Klientel allein zu groß dimensioniert ist. Ohne Besucher von „außerhalb“, also ohne Kulturtouristen wäre es schwer, eine angemessene Auslastung für das breite kulturelle Angebot vom Theater über die Museen bis zum Zoo zu erreichen. Tatsächlich ist der Besuch in einer dieser Einrichtungen häufig mit einem „Ausflug“ verbunden. Soziokulturelle Zentren haben nicht selten einen Einzugsbereich von 40 km, Museumsstatistiken weisen häufig Besucher aus, die mehr als 25 km vom Museumsort entfernt wohnen. Bundesweit gesehen liegt der Einzugsbereich solch touristischer Aktivitäten bei durchschnittlich ca. 80 km (einfache Entfernung). Bezogen auf den Städte- und Kulturtourismus in Deutschland insgesamt macht der Tagestourismus mit 87 Prozent den weitaus größten Teil des Segments aus. Anders ausgedrückt: Auf eine Übernachtung kommen in Großstädten 20 Tagesreisen, in mittelgroßen und kleinen Städten sind es zwölf.

Allerdings: der „kulturorientierte Städtetourismus“ ist nicht immer klar von Städtereisen aus anderen Motiven zu unterscheiden. Das Stadterlebnis verbindet sich auch bei kulturell Interessierten häufig mit Shopping oder dem Besuch eines Restaurants. „Städtereisende sind längst nicht mehr nur ‚klassische Besichtigungstouristen’, sie haben sehr viel spezifischere Reiseinteressen. Allgemeinen Nachfragetrends entsprechend werden sie zunehmend qualitäts-, aber auch preisbewusster und spontaner in ihren Reiseentscheidungen“, so die Beobachtung des Deutschen Tourismusverbandes (DTV). Zugleich erhöhe sich die Zahl der Optionen und Alternativen: „Vor dem Hintergrund einer globaler werdenden Welt konkurrieren die deutschen Städte inzwischen mit Tourismusangeboten aus der ganzen Welt, mit anderen Dienstleistungen und Konsumgütern.“

Während die Konkurrenz bei Tagestouren eher regional ist, treten große Städte wie Berlin, Hamburg oder München auch gegen internationale Tourismusmetropolen an und können sich gut behaupten. Im europäischen Vergleich liegt Berlin bei den Reisezielen und Übernachtungen mit deutlichem Vorsprung auf Platz 1, aber dahinter sind die Abständen zwischen München und Paris oder Wien, Rom und London und Hamburg und Dresden gering. In Deutschland ist Berlin zudem unangefochten die Kulturtourismusmetropole Nr. 1. Sowohl was die Zahl der Hotels, der Betten, Ankünfte und Übernachtungen betrifft, verfügt München auf Platz 2 nur über rund 60 Prozent der Berliner Kapazitäten. 

Reiseziele

Europaweit gelten zwischen 5 und 15 Prozent der Bevölkerung als „kulturinteressiert“ und damit als potentielle Kunden entsprechender kultur- und städtetouristischer Angebote. Deutschland hat international in der Skala beliebter Reiseziele aufgeholt und liegt je nach Umfrage inzwischen auf Platz 2 oder 3 der beliebtesten Reiseländer Europas. Bei dieser Bewertung spielen kulturelle Motive eine wesentliche Rolle. Nach Erhebungen der Deutschen Zentrale für Tourismus (DZT) will gut die Hälfte der ausländischen Urlauber hierzulande „Kunst und Kultur genießen“. 87 Prozent besuchen dann hiesige Sehenswürdigkeiten, 70 Prozent Museen und Ausstellungen. Auch bei deutschen Urlaubern ist das kulturelle Interesse groß (70 Prozent, bzw. 52 Prozent). Die Zahlen belegen hinreichend, dass kulturelle Angebote die Attraktivität eines Reiseziels erhöhen. Vor dem Hintergrund, dass derzeit mehr als vier Fünftel aller Touristen hierzulande aus Deutschland selbst kommen, ergeben sich allerdings auch Probleme. „Die Reiseintensität der Deutschen hat inzwischen eine Grenze erreicht und stagniert auf hohem Niveau“, konstatiert die DTV. „Die Bevölkerung schrumpft und die Kaufkraft der deutschen Bevölkerung ist maßgeblich abhängig von der Entwicklung der Wirtschaft, des Arbeitsmarktes, aber auch der sozialen Sicherungssysteme. Die Konjunkturabhängigkeit zeigt sich weniger bei dem Haupturlaubs-, eher bei den (zusätzlichen) Kurzreisen.“ Damit gewinnen Marketing- und Werbemaßnahmen, die auf ausländische Interessenten zielen an Bedeutung. Untersuchungen hierzu legen nahe, dass es im Grundsatz kaum Interessensgegensätze zwischen Touristen und Einheimischen gibt, was die urbane Lebensqualität betrifft. Bei einer Befragung in zehn deutschen Großstädten nannten die Einwohner als wichtig: eine historische Innenstadt und gepflegte Grünanlagen (je 71 Prozent), Freizeitangebote und Öffentliche Verkehrsmittel (je 69 Prozent), Sauberkeit (68 Prozent) und ein „vielfältiges Kulturangebot“ (68 Prozent). Ganz ähnlich werteten Touristen. Auch deshalb lässt sich aus Sicht des DTV „zweifelsfrei feststellen, dass Kultur und Tourismus zwei Seiten einer Medaille geworden sind. Denn zahlreiche Kultureinrichtungen brauchen Tourismus bzw. verstehen sich sogar als fester Bestandteil der touristischen Dienstleistungskette. Allerdings sind positive Image- und wirtschaftliche Effekte nur mit langfristigen, gemeinsam zwischen Kultur und Tourismus abgestimmten Strategien zu erzielen.“

Umsatzzahlen

Nach Schätzungen generiert die Tourismuswirtschaft mit Kultur- und Städtereisen einen Gesamtbruttoumsatz von 82 Milliarden Euro pro Jahr, sie bewirkt daneben weitere Einkommen in Höhe von 38,6 Milliarden Euro und bietet rund 1,6 Millionen Personen Beschäftigung. Zusätzlich sorgt der Städte- und Kulturtourismus beim Einzelhandel für rund 41,06 Milliarden Euro, bei der Gastronomie 24,25 Milliarden Euro Bruttoumsatz. Auch wenn Städte nach wie vor als vorrangige Destinationen kulturtouristischer Reisen dienen, positionieren sich doch auch immer mehr mittlere und kleinere Städte ebenso wie Regionen in diesem Bereich und werben für sich mit kulturtouristischen Projekten, Events und Sehenswürdigkeiten.

Informationen Zum Städte- und Kulturtourismus finden Sie hier 

Informationen zum Reiseland Deutschland hier 

Beispiele für kulturtouristische Angebote: Die Römerroute vom Archäologischen Park Xanten bis zum Hermannsdenkmal und der Varus-Schlacht hier . Die Lutherdenkstätten in Sachsen-Anhalt hier . Ausgewählte Links zum Thema Industriekultur hier 

 

Forum 7 des Kulturpolitischen Bundeskongresses beschäftigt sich mit dem Thema „Am Ende kommen Touristen – Kulturtourismus und Kulturelles Erbe“. Mehr hier[Internal] 

 


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