Kultur macht Europa - 4. Kulturpolitischer Bundeskongress
20.04.2009

Gedenkort Gestapoknast

Werner Jung

Wenn man in Köln vom EL-DE-Haus spricht, ist damit das NS-Dokumentationszentrum gemeint. Die Buchstaben erinnern an die Initialen des Hausgründers Leopold Dahmen. Das als Wohn- und Geschäftshaus erbaute Haus war seit Dezember 1935 Sitz der Kölner Gestapozentrale. Wie durch eine Ironie der Geschichte, hat dieses Haus den Krieg überdauert, obwohl die Kölner Innenstadt bis zu 90 Prozent zerstört war. Seit 1988 befindet sich dort das NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln, kurz: NS-DOK. Es ist eine ambitionierte Einrichtung, die neuerdings auch als städtisches Museum firmiert. Das Zentrum versteht sich als Ort des Gedenkens, Lernens und Forschens in einem; eine sich wechselseitig beeinflussende Einheit aus drei Elementen.

  • Gedenkort: Die Gedenkstätte Gestapogefängnis mit ihrem einzigartigen Bestand an Inschriften und Zeichnungen der Häftlinge stellt ein Kulturdenkmal von nationalem und europäischem Rang dar.
  • Lernort: Eine umfangreiche museums- und gedenkstättenpädagogische Arbeit kann seit einiger Zeit angeboten werden, zu der seit Anfang 2008 eine „Info- und Bildungsstelle gegen Rechtsextremismus“ als Dauereinrichtung hinzugekommen ist. Mehrere Sonderausstellungen im Jahr, weit über 100, z.T. größere Veranstaltungen, die Durchführung von umfangreichen Programmen wie dem „Lokalen Aktionsplan“.
  • Forschungsort: Dazu zählt eine umfangreiche Sammlung von Fotos und Dokumenten, eine große Datenbank und eine intensiv genutzte Bibliothek sowie die Durchführung großer Forschungsprojekte wie zur Geschichte der Polizei, der Zwangsarbeit, zur Jugend und zum Krieg sowie zahlreiche Publikationen, u.a. in einer eigenen Schriftenreihe und eine Reihe von didaktischen „Arbeitsheften“.

Die heutige Ausstattung ist das Ergebnis einer langwierigen und mühevollen Entwicklung; die sich über viele Jahre hinweg zog. Erst in den letzten Jahren gelang es ihm, seinen Haushalt zu verdoppeln, mehrere neue Planstellen durchzusetzen, weitere Räume anzumieten. Ohne das andauernde bürgerschaftliche Engagement engagierter Zeitgenossen wäre das Zentrum kaum entstanden.

Mühevoller Beginn

Die Entwicklung des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln ist ein typisches Beispiel erinnerungspolitischer Geschichte. Die Anfänge reichen in die Mitte der sechziger Jahre zurück: Ein unabhängiger Zeitgenosse namens Sammy Maedge machte damals in öffentlichen Aktionen auf die Geschichte der im Krieg nicht zerstörten Kölner Gestapozentrale mit dem erhalten gebliebenen Gefängnistrakt und seinen zahlreichen Inschriften und Zeichnungen der Häftlinge an den Wänden aufmerksam. Er blieb als Einzelkämpfer zunächst ungehört. Erst Ende der siebziger Jahre führten zwei Ereignisse dazu, die Geschichte dieses Hauses und damit die Geschichte des Nationalsozialismus in Köln stärker ins öffentliche Bewusstsein zu heben. Zum einen strahlte die ARD die Serie „Holocaust“ aus und erzielte dabei eine unerwartete Zuschauerresonanz – die Ermordung der europäischen Juden wurde in einer breiten Öffentlichkeit heftig und kontrovers diskutiert. Zum zweiten erregte ein in Köln stattfindender NS-Prozess bundesweit Aufsehen. Angeklagt war Kurt Lischka, der maßgeblich an der Deportation der französischen Juden beteiligt war. Vor diesem Hintergrund versuchte Maedge erneut, auf das EL-DE-Haus aufmerksam zu machen und fand diesmal auch weitere Mitstreiter. Der mit Berufsverbot belegte Lehrer Kurt Holl ließ sich im ehemaligen Gefängnis einschließen, die Inschriften in den Zellen wurden fotografiert, eine Bürgerinitiative organisierte eine Demonstration vor. Gefordert wurde die Einrichtung einer Gedenkstätte im ehemaligen Hausgefängnis der Gestapo; die weitergehende Forderung nach der Gründung eines Dokumentationszentrums spielte noch keine Rolle.

Die Initiativen erzielten einen ersten Erfolg. Der Rat der Stadt beschloss Ende 1979, die Inschriften zu restaurieren und den ehemaligen Zellentrakt als Gedenkstätte Gestapogefängnis öffentlich zugänglich zu machen. Diese wurde am 4. Dezember 1981 eröffnet – als Teil des Hauses, das sich bis zum heutigen Tag im Besitz der Gründerfamilie Dahmen befindet.

Der Rat hatte jedoch bereits erkannt, dass eine isolierte Gedenkstätte wenig Sinn machen würde und gleichzeitig „die Einrichtung eines Dokumentationszentrums über die Zeit des Nationalsozialismus in Köln“ beschlossen. Doch von einem Zentrum konnte über Jahre hinweg keine Rede sein: Es wurde lediglich eine Personalstelle im Historischen Archiv der Stadt Köln eingerichtet und wissenschaftliche Forschung betrieben sowie eine „Ersatzdokumentation“ von Akten auswärtiger Archive angelegt.

Wiederum sorgte eine Gruppe engagierter Bürgerinnen und Bürger für die tatsächliche Umsetzung des Ratsbeschlusses. Sie schlossen sich zu einer „Initiative zur Gründung eines NS-Dokumentationszentrums“ zusammen, aus der 1988 der Förderverein des NS-Dokumentationszentrums, der Verein EL-DE-Haus, hervorging. Zuvor hatte der Rat im Juni 1987 die Gründung des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln beschlossen. Im September 1988 wurden die Diensträume im EL-DE-Haus bezogen. Die neue Dauerausstellung ließ jedoch noch weitere neun Jahre auf sich warten, weil die Hausbesitzer lange Zeit den dazu notwendigen Umbau verweigerten.

Ausblick

Der Erfolg des Zentrums spricht inzwischen für sich: Innerhalb von sechs Jahren konnten die Besucherzahlen verdoppelt werden (2008: über 51.000 Besucher), die Einnahmen um fast 150 Prozent gesteigert werden usw. Das NS-DOK wurde mit 16 teilweise nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet und zählt heute zum Verbund der Kölner Museen. Dem NS-Dokumentationszentrum ist es in den letzten Jahren gelungen, aus der Nische heraus sich zu einem tatsächlichen Zentrum zu entwickeln. Als größte lokale Gedenkstätte bzw. Dokumentationszentrum in der Bundesrepublik hat es eine Ausstrahlung weit über den lokalen Rahmen hinaus.

Am 14. Mai 2009 wird das NS-DOK in vielen Bereichen sich erneuert präsentieren können: mit einer neugestalteten Ausstellung in der Gedenkstätte, mit neuen Teilen in der Dauerausstellung, einschließlich 37 Medienstationen sowie einer Infothek und einem neuen Gruppenraum. Spätestens für 2012 ist die Verwirklichung des „großen Wurfs“ geplant: Der Rat der Stadt Köln hat auf seiner Sitzung am 18. Dezember 2008 einstimmig die räumliche Erweiterung des NS-Dokumentationszentrums im EL-DE-Haus durch die Anmietung der bis 2012 an eine Galerie vermieteten Räume beschlossen. Zu der bisherigen Fläche von rund 1.600 Quadratmetern wird dann eine weitere Fläche von 955 Quadratmetern hinzukommen. Die Anmietung löst gleich mehrere Problemfelder und eröffnet damit dem NS-Dokumentationszentrum ein wesentliches Entwicklungspotential in allen Teilen seiner Arbeit: Die ehemalige Hinrichtungsstätte im Innenhof, wo mehrere Hundert Gestapohäftlinge erhängt worden sind, kann dann von Müllcontainern und parkenden Autos frei geräumt und in den Gedenkort Gestapogefängnis einbezogen werden. In den ehemaligen Ausstellungsräumen der Galerie wird der Sonderausstellungsraum verlegt und im bisherigen Sonderausstellungsraum auf der zweiten Etage kann ein dringend erforderliches Lernzentrum eingerichtet werden. In den vergrößerten Bereichen von Bibliothek und Archiv wird Platz für die erfreulich stark gewachsene Anzahl der überlassenen und gekauften Materialien und Bücher sein.

Dr. Werner Jung ist Direktor des NS-Dokumentationszentrums Köln. Mehr Informationen hier 

Unter dem Titel „Die Mühen der Ebene“ befasst sich der Kulturpolitische Bundeskongress in Forum 1 mit „Konzepten kommunaler Geschichtsarbeit“. Mehr dazu hier[Internal] 


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