Kultur macht Europa - 4. Kulturpolitischer Bundeskongress
06.04.2009

Erinnerungen an die verschwundene Gegenwart

Seit Anfang der 1990er Jahre hat sich in Deutschland die Zahl der Museen von 4.316 auf mittlerweile 6.197 erhöht. Die Zahl der Museumsbesuche pendelt seither knapp oberhalb der 100 Millionen – 2007 lag sie bei rund 107 Millionen. Signifikante Sprünge in der Museumsstatistik verzeichneten dagegen die 1980er Jahre. Hier wuchs die Zahl der Museumsbesuche nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes um mehr als ein Drittel – allerdings erklärte sich ein Teil des Aufwuchses schlicht durch die wachsende Zahl der von der Statistik erstmals erfassten Museen. Das tat dem damals wachsenden Interesse der Öffentlichkeit am Thema Museum keinen Abbruch. In der breiten Debatte ging es freilich nicht nur um die Bedeutung der Institution, sondern auch um ein Zeitphänomen namens „Musealisierung“. Bereits zehn Jahre zuvor notierte der Philosoph Hermann Lübbe: „Die Musealisierung unserer kulturellen Umwelt hat ein historisch bespielloses Ausmaß erreicht.“ und verortete diese Entwicklung „im Spannungsfeld von Museum und Fortschritt“. Mit Letzterem war eine Reihe von technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen angesprochen, die unter den Stichworten „Mediengesellschaft“ und „Informationsgesellschaft“ Furore machen sollten.

1990 gab der Kunsterzieher und Kulturpädagoge Wolfgang Zacharias einen Reader mit dem Titel „Zeitphänomen Musealisierung. Das Verschwinden der Gegenwart und die Konstruktion der Erinnerung“ heraus, der Zeitdiagnosen zum Thema von Alexander Kluge, Gottfried Korff, Henri Pierre Jeudy, Heiner Treinen, Michael Fehr, Dietmar Kamper, Gert Zang u.a. versammelte. Im Vorwort schrieb Zacharias von „Bewegungen im Spiel sinnsichernder Fragen und Antworten am Ende eines Jahrtausends“ und zitierte Jean-Francois Lyotard: „Im Zeitgeist liegt eine Art Kummer. Er kann sich durch reaktive, sogar reaktionäre Einstellungen äußern, oder durch Utopien, aber nicht durch eine Orientierung, die positiv eine neue Perspektive eröffnen würde.“

Herr Zacharias, Sie haben vor fast zwei Jahrzehnten ein Buch mit dem Titel „Zeitphänomen Musealisierung“ herausgegeben. Damals war auch von Museophilie und der Museifizierung der Kultur die Rede. Ist das Phänomen aktuell geblieben ?

Die Aktualität von damals hat sich fast noch gesteigert. Dahinter verbirgt sich bis heute ein zunehmender Widerspruch, einerseits der Wunsch, Dinge zu bewahren, andererseits die noch immer zunehmende Mediendynamik, deren Dimension damals trotz allem nicht vorhersehbar war.

Aus heutiger Sicht hat sich die damalige Zeitdiagnose selbst überholt ?

Das Buch hat ja den eleganten Untertitel „Das Verschwinden der Gegenwart und die Konstruktion der Erinnerung“. Das Museum war eher das Symbol für einen gesamtgesellschaftlichen Prozess. Man bewegte sich zwischen Modernisierung und Tradition, zwischen Beschleunigung und Bewahrung ....

... und zwischen dem Verschwinden der Zeit und der Hyperrealität. Parallel zu dieser Debatte ist das Museumswesen ausgebaut worden. Eine Art Flucht vor der als zunehmend flüchtig empfundenen Gegenwart ?

Wenn ich diese Entwicklung heute kommentiere, komme ich schnell auf die „Aktualität des Ästhetischen“ von Wolfgang Welsch zu sprechen. Er hat diesen Prozess früh als Relativierung des Dinglichen und Dinghaften und als Medialisierung hin zu symbolischen, immateriellen Wirklichkeiten beschrieben – er sprach dabei von kommenden „Paradiesen“. Trotzdem bleibt ein Bedarf an Authentischem, an einer Rückversicherung durch die Dinge. Die Virtualität der neuen Kommunikationsformen weckt die Sehnsucht nach dem Authentischen, nach dem Materiellen, nach der Aktivierung des Einmaligen. Die öffentliche Resonanz, die der Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln in diesen Tagen nach sich gezogen hat, spiegelt auch die Ängste, die mit dem Verlust von etwas Einmaligem verbunden sind.

Das Historische Archiv ist immer wieder als „Gedächtnis der Stadt“ bezeichnet worden. Ein Archiv ist aber kein Gedächtnis, es dient der Korrektur des kollektiven wie des individuellen Erinnerns. Archive, auch historische Museen werden deshalb als Orte gegen das Vergessen bezeichnet. Sie konservieren Dokumente, während ein Gedächtnis nur lebendig bleibt, wenn es auch vergisst.

Im Buch kommen dazu zwei mit einander konkurrierenden Theorieansätze zu Wort. Einmal die Postmoderne, die die Phänomene Geschwindigkeit und Verschwinden betont, während auf der Gegenseite Lübbe auf den „lebensweltlichen Vertrautheitsbedarf“ verweist, dazu gehört natürlich auch das Vergessen oder das „aktive Beschweigen“, von dem Lübbe einmal gesprochen hat. Beide Positionen befinden sich in einem permanenten Wechselspiel. Erschwerend kommt die Dynamik der Generationen hinzu. Die Jüngeren heute wachsen in einer medial beschleunigten Welt auf, die die Älteren häufig nicht verstehen. Dabei ist der alltägliche Bezug der Jungen zum Museum, ganz allgemein als ein Ort des Bewahrens verstanden, absolut marginal – nicht nur wegen des Zeitbudgets. Ich persönlich sehe mich eher zwischen den oben genannten Positionen. Ich frage nach Möglichkeiten von Wechselwirkungen. Museen stehen dabei für eine Möglichkeit, anhand von Dingen zu vermitteln.

Vermitteln als Beruf

Das Vermitteln von Dingen ist Ihr Beruf.

Meine Beschäftigung mit dem Thema hat sich im kulturpädagogischen Kontext entwickelt. Wir fragten uns, lohnt es sich, die Museen aktiv als Bildungsort zu nutzen und wenn ja, wie und warum. Im Museum stoßen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft aufeinander. Die Dinge, die Museumsobjekte spielen dabei eine besondere Rolle. Sie bewegen sich sozusagen durch die Zeiten. In der Gegenwart sind sie Zeitgenossen, sie stehen in einem bestimmten Kontext, dann wandeln sie sich zu etwas, das bewahrenswert und einer Vermittlung würdig sein soll. Welche Dinge braucht eine Gesellschaft ? Wie kann sie Gegenwart erklären und Zukunft entwickeln ?

Nehmen wir so ein Ding. Im Buch kommen Sie auf das Haus der Geschichte in Bonn zu sprechen und erwähnen exemplarisch die „Staatskarosse“  von Bundeskanzler Konrad Adenauer. Sie wurde vom Staat zunächst ausgemustert und dann vom Museum zurückgekauft. Sollte man ein Fahrzeug von Frau Merkel nicht gleich ins museale Depot stellen, um es in 20 oder 30 Jahren in den musealen Showroom zu schieben ?

Es gab auch schon den Vorschlag, ganze Ensembles aufzuheben und wegzuschließen, um sie nach dreißig Jahren wieder auszustellen. Die Frage, welche Phänomene später als wichtig beurteilt werden, wird damit nicht beantwortet. Henri Pierre Jeudy hat damals vor einer Versteinerung der Gegenwart gewarnt, wenn ihre Räume durch Traditionalisierung und das Aufbewahren von zu vielen Dingen zunehmend eingeengt werden. Das Auto mag ein Symbol und ein Repräsentationsgegenstand sein, aber müssen wir deshalb alle Typen lückenlos sammeln ? Das käme mir ein bisschen absurd vor. Nehmen wir doch aktuelle Beispiele. Zur Zeit wird in Berlin heftig diskutiert, wie man mit der Mauer umgehen soll. Sollen Mauerreste, da wo sie noch stehen, erhalten bleiben? Reicht das aus, um dem Phänomen gerecht zu werden? Soll der Verlauf der Mauer auf den Straßen markiert werden, um sie der alltäglichen Aufmerksamkeit zu erhalten ? An der Bernauer Straße wird eine Art Mauer-Erlebnispark ausgestellt. Eben hat ein Museum eröffnet, das sich ganz der DDR-Kunst und dem sozialistischen Realismus verschrieben hat. In den letzten Jahren floriert auch das Geschäft mit der DDR-Nostalgie. In Berlin werden z.B. DDR-Güter verkauft, Waren, die heute mit der Ästhetik von Damals produziert werden. Die Kunden sind ältere Leute, die die Nostalgie-Waren kaufen, um sie zu konsumieren. Das alles sind Musealisierungsphänomene, vielleicht erledigen sie sich mit fortschreitender Zeit auch wieder.

Jedenfalls funktioniert Musealisierung ohne Objekte nicht ?

Sie setzt in der Tat auf Dinglichkeit und Materialität. Das ist das Besondere. Für virtuelle Erinnerungen und Mythologien sind andere Medien, die Medien zuständig. Ob es sich um die Inszenierung von historischen Rekonstruktionen im Fernsehen oder von Computerspielen handelt, die historisches Material verwenden. Solche Computerspiele, auch die Fantasy-Literatur greifen auf Mythen und Urthemen des Abendlands zurück und schreiben sie in neuen und anderen Erzähl- und Aktivierungsformen fort. Beides handelt von Helden, vom Ich und von Stärke, von Schwäche und Herrschaft. Seit Troja, Odysseus und Homer erzählen wir uns diese Geschichten.

Beim Streit um postmoderne Positionen ging es immer auch um das Gegeneinander von Aufklärungspotentialen und der kompensatorischen Kraft des Symbolischen bei den Anstrengungen, die eine Modernisierung mit sich bringt.

Ich glaube, dieses Problem ist eher den Älteren vorbehalten. Für die nachwachsenden Generationen dürfte das Leiden an der Beschleunigung kein Thema mehr sein. Sie sind von klein auf an einen anderen Umgang mit Medialität gewohnt. Der Satz „Ich nehme wahr, also bin ich“ heißt heute „Ich google, also bin ich“ oder „Ich finde mich im Netz, also bin ich“. Es kann durchaus sein, dass zukünftige Generationen die überkommenen Traditionalisierungsanker wie das Museumswesen in dieser Form nicht mehr benötigen. Deren Problem wäre dann, wie sie ihre permanente Präsenz in der Online-Welt aufrecht erhalten.

Museen, also die Welt der Objekte, spielen in den Kulturetats aber eine zunehmend größere Rolle.

Die Politik hat anscheinend ein Faible für Investitionen in Museumsbauten und Denkmalschutz. Denkmalschutz ist beispielsweise im bayerischen Staatshaushalt ein sehr großer Posten. Dadurch verschwinden natürlich nicht gesellschaftliche Trends, die Traditionen auflösen.

Es gibt Museen neuen Typs wie die Science Center oder die Kindermuseen, bei denen die Vermittlung auch durch virtuelle Medien im Mittelpunkt steht. Ist das die Zukunft aller Museen ?

Science Center wie Kindermuseen sind nur noch bedingt Museen, eben weil die Vermittlung Vorrang vor dem authentischen Objekt hat. Die Dinge sollen sich nicht mehr in der Vitrine erschließen, sondern durch Verlebendigung der Prozesse, für die sie stehen. Durch das Interaktive, das Selbermachen sorgen sie für Wissen und Faszination. Ich würde beide Einrichtungen viel stärker in den Kontext der kulturellen Bildung stellen. Das bedeutet nicht das Ende des Museums, wie wir es kennen, aber seine Differenzierung. Jedes Museum muss sich eine Peripherie von Qualifizierungs- und Erlebnisformen zulegen, um weiter interessant zu sein.

Das klassische Museum ist als Schatzkammer entstanden, es ging weniger um Bildung denn um die Ausstellung von Kunst, Reichtum oder Macht.

Bildung ist nicht nur durch schulische und didaktische Formen möglich. Man bildet sich kulturell oder ästhetisch auch, wenn man ins Kino geht oder sich anderswo durch ein Erlebnis faszinieren lässt. Das ist nicht neu, schon Goethe hat seinen Reise-Event nach Italien gemacht. Heute versuchen wir das als erweiterten Bildungsbegriff zu thematisieren. Auch museale Orte können Teil von Bildungsbiografien sein, beispielsweise, wenn eine gute Museums- und Kulturpädagogik die Intensität, die Erlebnisqualität steigert und damit Interesse weckt und auch für Erinnerung sorgt.

In Ihrem Buch findet sich der Satz, ein Museum sei eher ein exemplarischer Ort der Zukunft als einer der Gegenwart.

Das Bewusstsein für den Wert von Museen ist deshalb wichtig. Als Fahrstuhl in die Zukunft sorgen sie für den symbolischen Kontext und mischen die drei Zeitzustände auf besondere Weise. Sie stehen mit ihren Objekten für die Komplementarität der realen, dinglichen und der symbolischen virtuellen Welten. Die Museen werden so zu authentischen Erlebnisorten – das ist ihre Zukunft. Das Bewahren und Archivieren wird nur noch ein Aspekt ihrer Aktivitäten unter vielen anderen sein.

Die Fragen stellte Wolfgang Hippe

Wolfgang Zacharias, geboren 1941 in München, Kunst- und Kunsterzieherausbildung in München, Stuttgart, Paris, einige Jahre Schuldienst, Promotion in Hamburg. Seit den 70er Jahren in der kommunalen Kinder- und Jugendkulturarbeit im Rahmen Kulturreferat LHM und der Initiative „Pädagogische Aktion“ tätig. Derzeit Vorstandmitglied Bundesvereinigung kulturelle Kinder- und Jugendbildung e.V. (BKJ) sowie Landesvereinigung kulturelle Bildung Bayern e.V. (LKB:BY). Zahlreiche Veröffentlichungen, z.B. „Handbuch Museumspädagogik“ mit Klaus Weschenfelder (1993, Düsseldorf), „Kulturpädagogik- eine Einführung“ (2001, Opladen). Mehr zum Kontext hier .


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