Kultur macht Europa - 4. Kulturpolitischer Bundeskongress

Europäische Umweltgeschichte

„Eine spezifisch europäische Signatur in der Umweltgeschichte der Welt wird sich - wenn überhaupt - aus dem Wechselspiel zwischen menschlichen und natürlichen Faktoren ergeben“, meint Frank Uekötter und fragt sich zugleich: „Gibt es eine europäische Geschichte der Umwelt?“ Eine Debatte darüber ist in seinen Augen jedenfalls längst überfällig. Dabei sei offenkundig, dass es nicht "die" europäische Umwelt gebe, sondern eine Vielzahl natürlicher Umwelten, deren Umrisse mit Staatsgrenzen nur im Ausnahmefall übereinstimmen: „Der Hinweis auf die Vielgestaltigkeit des Kontinents gehört zu den Standardthemen der warmherzigen Europarhetorik, die seit Jahrzehnten als Begleiterscheinung des europäischen Einigungsprozesses zu vernehmen ist. Wenige Themenfelder eignen sich dafür jedoch so gut als Anschauungsmaterial wie die natürliche Umwelt.“ Mehr dazu hier 

 

Pfade der Erinnerung

Zum zweiten Mal schreibt die „Geschichtswerkstatt Europa“ ein Projekt für Studierende, Nachwuchswissenschaftler, Journalisten und Künstler aus. Thema diesmal: Pfade der Erinnerung. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, welche Verbindungen heute zwischen den Orten und ihren Bewohnern bestehen, die sie aufgrund unterschiedlicher Formen von Zwangsmigration im Laufe des 20. Jahrhunderts verlassen mussten. Die Geschichtswerkstatt Europa ist ein Programm der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" zur Auseinandersetzung mit europäischer Erinnerung. Die Förderung von Projekten wird vom Institut für angewandte Geschichte in Kooperation mit der Europa-Universität Viadrina koordiniert. Ein Internationales Forum wird vom Global and European Studies Institute an der Universität Leipzig ausgerichtet. Im Jahr beschäftigt sich die Geschichtswerkstatt mit „Schichten der Erinnerung“ und analysiert die Mehrdimensionalität von Erinnerungsorten, historischen Narrativen sowie der Inszenierung von Jubiläen u.a. in Poltawa, Karaganda, Woronež, Warschau, Thessaloniki und Ravensbrück. Die aktuelle Ausschreibung der Geschichtswerkstatt Europa ist unter hier  abrufbar. Eine Projektskizze ist bis zum 26. Oktober 2009 einzureichen. Mehr zum „Institut für angewandte Geschichte“ der Europa-Universität Viadrina finden Sie hier 

 

Postzensur und Telefonüberwachung

Bei der Durchsicht alter Akten stieß der Freiburger Historiker Prof. Dr. Josef Foschepoth auf ein unbekanntes Kapitel der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte. Zwischen 1950 bis 1968 wurden bis zu 300 Millionen Postsendungen aus Osteuropa ohne rechtliche Grundlage konfisziert und zum Teil vernichtet. Zudem wurde vom Verfassungsschutz teilweise mit alliierter Hilfe flächendeckend abgehört – ebenfalls illegal. Das alles sollte der Abwehr östlicher Propaganda dienen. Foschepoth: „Wenn wir das, was in der Bundesrepublik vorgegangen ist, auch historisch korrekt beurteilen wollen, dann dürfen wir in diesem Falle nicht die DDR als Maßstab nehmen und sagen, die haben das ja auch gemacht, im Kalten Krieg durften wir das auch machen. Wir waren natürlich ein Rechtsstaat und haben es trotzdem gemacht.“ Den Beitrag über „Postzensur und Telefonüberwachung in der Bundesrepublik Deutschland (1949 – 1968)“ in der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft (Heft 5/200) finden Sie hier . Dazu auch ein Beitrag in dradio kultur hier 

 

Schlussstrich

Nach 14 Jahren und mehr als 4000 Newslettern stellt Tobias Berg seinen „Nachrichtendienst für Historiker“ (NFH) ein. Er informierte regelmäßig und fast täglich per Presse- und Bücherschau über themenbezogene Artikel. Dazu gehörten auch Hinweise auf entsprechende Beiträge im TV-Programm. Berg: „Ich habe über Jahre sehr viel Herzblut und manche persönliche Einschränkung in Kauf genommen, um die regelmäßig anzubieten. Das habe ich aus purer Lust an "Geschichte" sehr gerne getan.“ Trotz allen Bemühungen konnte allerdings keine gesicherte Finanzierung erreicht werden. Die Site bleibt vorerst im Netz, wird aber nicht mehr aktualisiert. Mehr hier 

 

Grenzen des Wachstums

Der Wirtschaftswissenschaftler Kurt Georg Zinn unternimmt einen kurzen Streifzug durch die Theoriegeschichte und stellt das Scheitern eines großangelegten und schon länger andauernden wirtschaftspolitischen Experiments fest: „Oberflächlich betrachtet erscheint die Krise als eine Finanzkrise, die den Einbruch des realwirtschaftlichen Wachstums ausgelöst hat. Tatsächlich aber hatten wir es von Anfang an mit einer Doppelkrise zu tun, deren Ursachen bis in die 1970er-Jahre zurückreichen. Damals wollte man die hohen Wachstumsraten der Zeit zwischen 1950 und 1973 wiederhaben. So wäre Vollbeschäftigung zu erreichen, lautete das hohle Versprechen.“ Die Hoffnungen erfüllten sich nicht, weil die Wachstumsmöglichkeiten hoch entwickelter kapitalistischer Volkswirtschaften grundsätzlich falsch eingeschätzt wurden – wg. zweier „prinzipieller Begründungen: die ‚ökologische’, nach der auf dem begrenzten Planeten Erde kein unbegrenztes Wachstum möglich ist, und die auf John Maynard Keynes (1883-1946) zurückgehende Theorie der endogen bedingten Wachstumsabschwächung“. Mehr hier 

 

Neuer Wettbewerb für Einheitsdenkmal

Ein zweiter Wettbewerb für das geplante Freiheits- und Einheitsdenkmal soll mit wesentlich weniger Vorgaben für die teilnehmenden Künstler stattfinden. Das hat der Ausschuss für Kultur und Medien mit den Stimmen der Großen Koalition und der FDP beschlossen. Ein erster Wettbewerb war ohne Ergebnis abgebrochen worden. Nach der neuen Ausschreibung soll das Denkmal vor allem an „die friedliche Revolution im Herbst 1989 und die Wiedererlangung der deutschen Einheit“ erinnern. Die Einbettung in die deutsche Freiheits- und Einheitsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts - wie im Antrag der Fraktionen von CDU/CSU, SPD und FDP vom Dezember 2008 vorgesehen - soll nur noch eine untergeordnete Rolle spielen. Auch der "Beitrag der Leipziger Bürgerinnen und Bürger, der eine herausragende Rolle bei der friedlichen Revolution spielte", solle jetzt durch ein eigenes Denkmal in Leipzig und nicht durch das Berliner Denkmal gewürdigt werden. Die Integration eines "Informationsortes" in das Denkmal soll ebenfalls keine Anforderung für teilnehmende Künstler mehr sein. Kulturstaatsminister Neumann wies darauf hin, dass sich das Deutsche Historische Museum in unmittelbarer Nähe des Denkmalstandortes befände, wo die Revolution von 1989 und die deutsche Einheit historisch dokumentiert seien. Der Denkmalstandort, der Sockel des Kaiser-Wilhelm-Denkmals auf der Schlossfreiheit, stehe jedoch nicht zur Diskussion. Der Wettbewerb soll zweistufig sei: Aus einer ersten, offenen Bewerbungsrunde sollen etwa 20 bis 30 Künstler ausgewählt werden, die für "kleine Tantiemen" konkrete Entwürfe ausarbeiten.

 

Klimageschichte

Für die „Gesellschaft für Agrargeschichte“ dürften sich bisher nur Eingeweihte interessieren. Doch der Gegenstand ihres Interesses lässt sich für das interessierte Publikum auch anders formulieren. Es geht Perspektiven der Klima- und Agrarentwicklung vom Hochmittelalter bis ins heutige 21. Jahrhundert und die damit verbundenen historischen Prozesse, die uns alle direkt in die Klimakatastrophe geführt haben. Ziel einer von der Gesellschaft jetzt veranstalteten Fachtagung war es jetzt, die historischen Aspekte der Thematik aufzuzeigen und den Blick für die heutigen Umweltfragen zu schärfen. Mehr dazu hier . Mehr Informationen zur „Gesellschaft für Agrargeschichte“ finden Sie hier . Passend dazu gibt es auch eine Initiative Agrarerbe, die einen Beitrag zur Erhaltung der historischen und heute noch existierenden Zeugnisse bäuerlichen Wirtschaftens und ländlicher Kultur leisten will. Mehr hier 

 

Mount Disney

Die zunehmende Inszenierung der Alpen ist eine Tatsache, findet die NGO CIPRA International (Commission Internationale pour la Protection des Alpes). Sie setzt sich seit über einem halben Jahrhundert für eine nachhaltige Entwicklung in den Alpen und für einen qualifizierten Kulturtourismus ein. Jetzt klagt sie: „Wenn die sonnenverbrannte Alphütte die Sicht ins Tal versperrt, dann ist das für die meisten okay. Wenn ein Architekturensemble aus Stahlbeton derselben Alp ein neues Gesicht verleiht und den ÄlplerInnen ein besseres Wirtschaften ermöglicht, so ist das für viele ganz und gar nicht okay. Auf das alljährliche Höhenfeuer wiederum möchten dieselben Leute nicht verzichten, trotz Waldbrandgefahr und Störung der Fauna. Wieso empfinden wir manches in den Bergen als schön und passend, anderes als störend und fremd? Und wieso nehmen wir vieles gar nicht erst wahr, wenn es nicht in Szene gesetzt wird durch uns Menschen?“ Den aufgeworfenen Fragen gehen Autorinnen und Autoren in der aktuellen Ausgabe der Verbandszeitschrift SzeneAlpen nach.Dazu gehören u.a. Werner Bätzing, Bernard Debarbieux, Köbi Gantenbein und Mario Broggi. Bätzing warnt: „So richtig und so sinnvoll es ist, dass die Menschen in den Alpen viel erleben möchten, so sehr müssen sie zugleich aufpassen, dass die permanente Suche nach immer optimaleren Erlebnissen nicht dazu führt, dass sie gar nichts mehr erleben ausser Stress und Hektik. Und so nachvollziehbar es ist, durch Geldausgeben seine Erlebnisse zu steigern – es bleibt eine alte Erfahrung der Menschheit, dass man die wichtigsten Erlebnisse eben nicht kaufen kann.“ SzeneAlpen Nr. 91 "Mount Disney" kann kostenlos bestellt (international@cipra.org) oder als PDF  heruntergeladen werden.

 

You never use the same brain twice

Auf Spurensuche begibt sich Petra Seeger mit ihrem Dokumentarfilm „Auf der Suche nach dem Gedächtnis“. Sein Thema: Leben und Werk des Nobelpreisträgers Eric Kandel. Seeger begleitet Kandel und seine Ehefrau Denise auf einer Reise an die Stätten ihrer Kindheit und Jugend in Wien und Frankreich. Beide mussten als Juden vor den Nazis aus Europa fliehen und begannen in den USA ein neues Leben. Die beiden werden auf der Reise von ihren Kindern und Enkeln begleitet. Daneben informiert der Film über die aktuelle Gedächtnisforschung. Kandel gehört zu den bedeutendsten Neurobiologen der Welt. 2000 wurde er für seine Entdeckungen von Signalübertragungen im Nervensystem ausgezeichnet. Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Untersuchung von Lernprozessen und der Entwicklung des Kurzzeit- und Langzeitgedächtnisses. Mehr hier . Informationen zum Verleih von Seegers Film hier 

 

Ralf Dahrendorf ist tot

„Dass der 80-jährige Ralf Dahrendorf am Vorabend des 80. Geburtstages von Jürgen Habermas gestorben ist, stellt nicht nur eine traurige Koinzidenz dar.“, schreibt Claus Leggewie in seinem Nachruf. „Es belegt auch, welche Generation intellektueller Titanen die frühe Bundesrepublik hervorgebracht hat und welchen Einfluss diese Denker bis ins hohe Alter besitzen.“ Den ganzen Text finden Sie hier . Und Jens Feddersen erinnert in der taz an eine Äußerung Dahrendorfs zur Bedeutung der deutschen Geschichte für die deutsche Gesellschaft. Dahrendorf: „Ich halte nach wie vor die nicht ganz angenehme deutsche Geschichte für eine starke Ligatur. Leider nur ist das kein guter Zusammenhalt.“ (Aus dem Interview des taz.mag vom 5. 4. 2008) Mehr hier 

 

Market building statt Nation building

Dem Thema „Wandel von Vergesellschaftungsformen im europäischen Integrationsprozess“ widmet sich die neue Ausgabe des „Mittelweg 36“. In der Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung befasst sich u.a. die Historikerin und Soziologin Theresa Wobbe mit der Frage, warum in der Soziologie „lange ein national kodierter Gesellschaftsbegriff verwendet worden ist und die Untersuchung der Gesellschaft unreflektiert mit der Nation in eins gesetzt wurde“. Dabei stellt sie fest, dass „sozialstrukturelle Prozesse der Nationalisierung, Internationalisierung und Europäisierung nicht als Abfolge fein säuberlich voneinander getrennter Phasen zu verstehen sind“. Vielmehr müsse man von wechselseitigen Bezügen und pluralen Strukturbildungen ausgehen. Der sog. methodologische Nationalismus etwa sei „keineswegs eine ausgemachte Sache des 19. Jahrhunderts. Vielmehr wird er erst nach 1945 in eine wissenschaftlich elaborierte Form gegossen und durch Institutionalisierungen im Politik- und Wissenschaftssystem weltweit diffundiert“. Die tatsächliche Entwicklung habe aber zunehmend dieses „spezifische nationale Arrangement“ ausgehöhlt und eine „Deterritorialisierung der Politik“ bewirkt: „Im nationalen Kontext (wird) unklar, welches Kollektiv eigentlich durch politische Entscheidungen gebunden wird: Einerseits wird die Erreichbarkeit von Staatsangehörigen zum Problem, andererseits befindet sich eine nicht unbeträchtliche Zahl von Einwohnern auf den nationalen Territorium, die als Nicht-Staatsbürger auch soziale Leistungen erhalten.“ Das market building der heutigen Europäischen Union befördert diese Prozesse und tritt zunehmend an die Stelle des traditionellen Nation Building. Um diese Trends einfangen zu können, bedürfe es eines Begriffs von Vergesellschaftung, der der damit Dynamik, Vielfalt und Differenzierung gerecht werde. Mehr hier 

 

Edelweißpiraten

Ins mittlerweile fünfte Jahr geht das Kölner Edelweißpiraten-Festival. Auch in 2009 präsentiert das besondere Open Air neben Diskussionen mit Zeitzeugen, Vorträgen zur Geschichte des Jugendwiderstands im NS-Staat jede Menge Musik aus der Geschichte von der bündischen Jugend über oppositionelle Songs der NS-Zeit bis zu heutigen Strömungen von Folksong bis Reggae. Neben einem ganztägige Konzert am 28. Juni steht diesmal auch eine "Edelweißpiratentour" ins Siebengebirge auf dem Programm. Die Wanderung mit Zeitzeugen und Musikanten führt u.a. zum Märchensee und zum Blauen See, die auch nach 1933 traditionelle Ziele der Bündischen und anderer nicht konformer Jugendgruppen blieben. „Eigentlich gehören Liedgutpflege und Open-Air-Festivals nicht zu den Kernaufgaben des NS-Dokumentationszentrums“, kommentiert Nicola Wenige vom NS Dokumentationszentrum der Stadt Köln. Aber dem Edelweißpiraten-festival sei man mehrfach verbunden: „Erstens haben wir seit unserer Ausstellung »Von Navajos und Edelweißpiraten – Unangepasstes Jugendverhalten in Köln 1933-1945« (2004) darauf hingearbeitet, dass die Musik dieser naziresistenten Jugendszene dem Vergessen entrissen und jugendkompatibel neu aufgelegt wird. Bisheriges Ergebnis ist das vom NS-Dokumentationszentrum angeregte Buch/CD/Film-Projekt ‚Es war in Schanghai’, das sich reger Nachfrage erfreut. Zweitens bietet gerade das Festival den geeigneten Rahmen, Jugendlichen die Lieder und Verhaltensweisen der unangepassten Jugend der NS-Zeit nahe zu bringen. Und drittens ist der gemeinsame Auftritt ehemaliger Edelweißpirat/innen und heutiger Bands nicht nur für die Beteiligten ein großer Spaß, sondern auch ein lebendiges Zeichen dafür, dass die Edelweißpirat/innen nach Jahrzehnten endlich Anerkennung finden.“ Mehr hier   

 

DDR-Literatur, nein danke

„Der Preis der Deutschen Nationalstiftung ist kein Literatur-Preis“, meint die diesjährige Preisträgerin und Schriftstellerin Monika Maron. „Er ist ein politischer Preis, der vor allem dem politischen Wirken unserer Arbeit im Sinne der Stiftung gilt, deren Ziel es ist, "die Fremdheit zwischen Ost und West zu überwinden und die nationale Identität der Deutschen in einem vereinten Europa zu stärken". Dass unsere Bücher in den Augen der Stiftung dazu beitragen können, ehrt uns. Was als Würdigung durch eine politische Stiftung eine Ehre ist, kann als Kriterium für die Literaturwissenschaft und die Literaturkritik allerdings zu einem Problem geraten.“ Und was sie gar nicht mag, ist das Gerede von der „DDR-Literatur“. Die komplette Dankesrede anlässlich der Nationalpreisverleihung hier 

 

Sehnsucht nach Vergangenem

Eine Ursache des aktuellen Geschichtsbooms ist nach Meinung von Martin Sabrow der Verlust unseres „einstigen Fortschrittsoptimismus und unseres Zukunftsvertrauens“. An ihre Stelle seinen Gedächtnisorientierung und Vergangenheitsvergewisserung getreten: „Die aktuelle Debatte etwa über den Wiederaufbau der historischen Altstadt Berlins wäre vor gar nicht langer Zeit ganz undenkbar gewesen. Was uns als Leitbilder berührt und in unserer Gegenwart interessiert, können wir besser in den Raum der Vergangenheit projizieren als in den der Zukunft.“ Der Historiker und Leiter des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam sieht darin ein milieu-übergreifendes Phänomen, das nicht durch Stichworte wie Kommerzialisierung hinreichend zu erklären sei: „Der Geschichtsboom ist ein Ausdruck dafür, dass sich unsere soziale, politische und kulturelle Identität heute in sehr hohem Maß an einer Verständigung über die Vergangenheit orientiert und daraus ihre emotionale Kraft bezieht. Interessanterweise ist der Blick zurück heute frei vom Vorwurf der Nostalgie oder gar Rückschrittlichkeit. Man kann grün oder rot wählen und doch für den Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche oder des Berliner Schlosses sein.“ Mehr hier 

 

Echtes Schloss, echte Altstadt

Nach dem umstrittenen Neubau des Berliner Stadtschlosses gibt es nun Pläne, den östlich anschließenden, "echten" Altstadtbereich Berlins, das einstige Marienviertel und jetzige Marx-Engels-Forum, zumindest stadträumlich zu rekonstruieren, berichtet Falk Jaeger: Guter Rat ist freilich teuer. Wie man die Mediokrität überwinden und zu einem überzeugenderen Stadtbild kommen könnte, weiß keiner. Die Regelungen per Gestaltungssatzung führen zu schalen Ergebnissen wie am Leipziger Platz. Angenommen, man ist der Überzeugung, dass das Marienquartier wieder gebaut werden müsse – es gibt allerdings genügend Berliner, die den gegenwärtigen Zustand schätzen und die Daseinsberechtigung des DDR-Städtebaus nicht in Zweifel ziehen – so muss die Frage gestellt sein, weshalb man nicht die Chance ergreift, ein fantasievolles, attraktives Zentrum zu erdenken, anstatt das Quartier nach altem, doch recht schematischem Grundriss nur irgendwie aufzufüllen. Mit der vorgeschlagenen einfallslosen Rekonstruktion kann Berlin nicht punkten.“ Mehr hier 

 

Filme im Archiv

Der Arbeitskreis Filmarchivierung Nordrhein-Westfalen besteht seit 16 Jahren. In ihm arbeiten  rund ein Dutzend Vertreter verschiedener Archivarten zusammen. Seine Aufgaben: der Austausch von Informationen über die Entwicklung der Filmarchivierung und Filmrestaurierung, die Weitergabe von Informationen, der Diskussion über Probleme der Konservierung von Filmkopien, Videobändern und anderen Trägermaterialien in den Sammlungen und Archiven in Nordrhein-Westfalen. Daneben hat der AK auch eine Reihe kulturpolitischer Erklärungen veröffentlicht, um die Öffentlichkeit für die Problematik der Vergänglichkeit von filmischen Werken zu sensibiliseren. Denn das zielgerichtete Sammeln und die sachgerechte Lagerung von Filmen, die einen bedeutenden Teil des kulturellen Erbes darstellen, sind wichtig und unabdingbar, so der AK. Allerdings: „Erhaltung ohne die Möglichkeit des Anschauens ist sinnlos. Die Präsentation von Originalmaterial erfordert besondere Geräte und ein spezielles Handhabungswissen. Nach der Überspielung auf moderne Trägermaterialien ist zwar die Vorführung technisch meist problemlos, aber es bleibt auch dann in jedem Falle zu berücksichtigen, dass die Filme historisch, also in einer bestimmten Zeit entstanden sind. Es ist daher notwendig, diese, wie andere Quellen auch, in ihren Entstehungs- und Wirkzusammenhang zu stellen, ferner deren Bild- und Sprachaussagen vor diesem Hintergrund zu bewerten.“ Mehr hier . Über 6.000 Filmbeiträge von historischen Stummfilmen über Fernsehdokumentationen bis hin zu experimentellen Arbeiten und Spielfilmen fürs Kino hat allein die Initiative Köln im Film zusammengetragen und in einer Datenbank erfasst. Ihr gemeinsames Thema : Die mehr als hundertjährigen Filmgeschichte der Stadt als Schauplatz und Drehort von bewegten Bildern. Mehr hier 

 

Erinnerungsorte

Noch bis zum 31.10.2009 können sich interessierte Historikerinnen oder Historiker (Studierende, Doktoranden, Postgraduierte bis 40 Jahre) an einer Ausschreibung der Ranke-Gesellschaft zum Thema "Was bleibt? Erinnerungsorte und kollektives Gedächtnis" beteiligen. Erwartet wird ein kurzer Essay ( max. Länge 20.000 Zeichen inkl. Leerzeichen), der sich mit der Fragestellung auseinandersetzt. Erinnerungsorte (lieux de mémoire) sind in Anlehnung an den französischen Historiker Pierre Nora jene Orte, an denen sich das kollektive Gedächtnis einer sozialen Gruppe manifestiert. Dies können geographische Orte, aber auch mythische Gestalten, Institutionen oder Begriffe sein. Bücher, Kunstwerke und symbolisch aufgeladene Orte mit identitätsstiftender Funktion gehören ebenfalls in diese Kategorie. Zu den deutschen Erinnerungsorten zählen Etienne François und Hagen Schulze zum Beispiel Canossa, die Berliner Mauer, "Karlsruhe", die Documenta in Kassel, den deutschen Wald, Neuschwanstein und die Loreley. Die besten Beiträge werden im Jahrgang 22 der „Historischen Mitteilungen der Ranke-Gesellschaft“ (HMRG) veröffentlicht. Weitere Informationen hier

 

Geschichte im Internet (5)

„Das digitale Historische Archiv Köln“ gehört zu den 24 für den Grimme Online Award 2009 nominierten Webprojekten. Das digitale Archiv wurde anlässlich des Einsturzes des Historischen Archivs der Stadt Köln ins Leben gerufen. Ziel der Initiative: die Plattform zu einem digitalen Lesesaal für die Geschichte der Stadt Köln weiterentwickeln (mehr hier ). Unter den Nominierten der Kategorie Spezial für innovative und qualitativ herausragende Webangebote sind zwei weitere Websites zum Thema Geschichte. Das Portal „Zwangsarbeit 1939-1945“ bietet fast 600 Audio- und Video-Interviews mit Menschen aus 26 Ländern, die während des Nationalsozialismus Zwangsarbeit leisten mussten ( mehr hier ). Dritte Website im Bunde ist „Von Zeit zu Zeit“ - das Portal wurde von der Stuttgarter Zeitung initiiert und bietet ein umfassendes und lebendiges lokalhistorisches Portrait der Schwabenmetropole (mehr hier ). Die Site hat bereits den Deutschen Lokaljournalistenpreis gewonnen.

Die Verleihung des Grimme Online Award findet am 24. Juni 2009 in Köln statt. Zu den Auszeichnungen gehört auch ein Publikumspreis, bei dem Sie mitstimmen können. Mehr hier . Und merke: Jede Stimme zählt.

 

Geschichte im Internet (4)

Neu im Internet ist das Geschichtsportal „Zeugen der Shoah“. Das multimediale Archiv-Projekt umfasst über 50.000 Zeitzeugen-Interviews und soll vor allem Schülerinnen und Schülern in Deutschland den Zugang zu Zeugen des Holocaust bieten und damit einen wichtigen Beitrag zur Erinnerung an die Opfer und zur Bildung über die NS-Zeit leisten. Die Freie Universität Berlin baut damit ihre multimedialen Archiv-Projekte aus. Seit 2006 ermöglicht sie als erste europäische Institution den Vollzugriff für Wissenschaft und Forschung auf das "Visual History Archive" des Shoah Foundation Institute for Visual History and Education der University of Southern California, das ursprünglich von Steven Spielberg initiiert wurde. Mehr Informationen hier 

 

Nazi-Justiz

Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) hat seine Zustimmung für das Vorhaben signalisiert, alle Wehrmachtsoldaten zu rehabilitieren, die von NS-Gerichten als Kriegsverbrecher verurteilt wurden. In einem Brief an Justizministerin Brigitte Zypries (SPD) schrieb Jung, dass es in Sachen Gesetzesänderung in rechtlicher Hinsicht von Seiten seines Ministeriums „keine Vorbehalte dagegen gibt“. Dies bestätigte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums SPIEGEL ONLINE. Bisher hatte das Ministerium eine pauschale Aufhebung der Kriegsverratsurteile abgelehnt. Fachhistoriker wie Wolfram Wette begrüßen den Vorstoß. Wette: „Es geht hier um einen geschichtspolitischen Reinigungsprozess und eine Entlastung der Nachkommen.“ Widerstand gegen die Rehabilitierung kommt nach wie vor aus der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Hier hat namentlich Wortführer Norbert Geis (CSU) seine ablehnende Haltung bekräftigt. Mehr hier 

 

Finanzbedarfe

Mit den Kosten des Einsturzes des Historischen Archivs und deren Finanzierungsmöglichkeiten hat sich der Ausschuss für Kultur und Medien des Deutschen Bundestages befasst. „Es grenzt an ein Wunder, dass nur zwei Menschen ums Leben gekommen sind“, erklärte der Kölner Kulturdezernent Prof. Georg Quander vor dem Ausschuss. Vom Archivmaterial sei zwar „nicht alles verloren, aber alles beschädigt. 80 Prozent des Materials seien inzwischen geborgen. Schwierig sei es, an die Papiere zu gelangen, die im Grundwasser in bis zu 30 Meter Tiefe lägen. „300 große Wannen mit Fragmenten“ würden bisher bearbeitet. Nach Quander belaufen sich allein die bisherigen Bergunsgkosten auf 1,39 Mio. Euro. Die Restaurierungskosten schätzte er „auf einen dreistelligen Millionenbetrag“, dessen genaue Höhe schwer zu beurteilen sei. Dazu kämen unter anderem Kosten für einen Neubau des Archivs. Die Auszahlung von Versicherungsgeldern hänge von der Klärung der Schuldfrage am Einsturz des Gebäudes ab.

 

Auge der Republik

Jupp Darchinger hat sie alle fotografiert: Gustav Heinemann und Loriot, Helmut Schmidt und Maggie Thatcher, Berthold Beitz, Helmut Kohl und Herbert Wehner, Hildegard Knef und die Queen. Seine Bilder dokumentieren nicht nur die Geschichte der Bundesrepublik seit ihren Anfängen, sondern haben auch den deutschen Fotojournalismus entscheidend geprägt. Am Ende seiner aktiven beruflichen Laufbahn hat der Fotograf sein fotografisches Werk an die Friedrich-Ebert-Stiftung übergeben. Damit hat das Archiv der sozialen Demokratie Ende 2007 das Fotoarchiv eines der bedeutendsten Fotojournalisten in Deutschland im Bestand. Es umfasst ca. 1,6 Millionen Negative, rund 60.000 Positive und 30.000 Dias. Die gesamte Fotosammlung wird kontinuierlich gesichtet, verzeichnet, inhaltlich erschlossen und digitalisiert. Mehr hier   

 

Offene Perspektive

Anliegen von perspectivia.net ist es, ausgewählte wissenschaftliche Ergebnisse der deutschen historischen Auslandsinstitute barrierefrei zugänglich zu machen: Auf der Basis des Open-Access-Prinzips soll die wissenschaftliche Kommunikation weiterentwickelt und intensiviert werden. Die Website bietet sowohl genuin elektronische Publikationen, als auch Retrodigitalisate bereits gedruckt erschienener Schriften an. In stetig wachsender Zahl sind auch Zeitschriften, Rezensionen, Monographien und Tagungsdokumentationen volltextdurchsuchbar und größtenteils bibliothekarisch erschlossen abrufbar. Mehr hier 

 

Geschichte im Netz (1)

Clio-online ist „das“ zentrale Internet Fachportal zur Geschichte. Seine Online-Dienste und Service-Angebote stehen für einen effizienten Zugang zu den umfangreichen Online-Ressourcen innerhalb der Geschichtswissenschaften. Die Rubriken reichen von einer Auflistung u.a. von Forschungsprojekten, Institutionen und Katalogen, Akademien und Archiven bis hin zur Fachkommunikation im Net, Stellenbörsen und der Vorstellung von ForscherInnen. Von 2002 bis 2007 wurde Clio-Online von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert. Mehr hier 

 

Geschichte im Internet (2)

Das Verzeichnis Geschichte im Internet ist der älteste geschichtswissenschaftliche Webkatalog im deutschsprachigen Raum. Er wurde Anfang 1995 von Stephanie Marra gegründet und wird bis heute kontinuierlich gepflegt und ausgebaut. 2001 erfolgte die Umstellung des Katalogs auf ein datenbankbasierendes Redaktionssystem. Gegenwärtig befindet sich das Angebot auf dem Webserver der Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Dortmund. Mehr hier 

 

Geschichte im Internet (3)

Die Arbeitsgemeinschaft historischer Forschungseinrichtungen in der Bundesrepublik Deutschland e.V. (AHF) wurde 1972 gegründet. Das Netzwerk historischer Forschungseinrichtungen will die wissenschaftliche Zusammenarbeit seiner Mitglieder insbesondere im Bereich der Dokumentation und Kommunikation historischer Forschung intensivieren. Die für die historische Dokumentation eingerichtete Redaktion besitzt auf diesem Gebiet langjährige Erfahrung und besondere Kompetenz. Jahrbuch der historischen Forschung und Historische Bibliographie sind die von der AHF herausgegebenen bibliographischen Informationsinstrumente. Sie werden jedes Jahr in gedruckter Form aufgelegt und sind gemeinsam in einer kombinierten Datenbank abrufbar Die Datenbank verzeichnet derzeit (Stand: Juli 2008) annähernd 270 000 Titelsätze. Sie ermöglicht umfassende Recherchen nach selbständiger und unselbständiger historischer Fachliteratur. Mehr zur Datenbank hier . Informationen zur AHF hier 

 

Zusammenbruch

Der WDR hat in seiner Mediathek alle Beiträge zum Thema „Einsturz des Kölner Stadtarchivs“ zusammengestellt. Die Site finden Sie hier .

 

Kulturnation

Die Erinnerung an die (deutsche) Kulturnation ist nicht tot zukriegen und spielt in der aktuellen Politik eine bedeutende Rolle, erinnert die Kultur- und Literaturwissenschaftlerin Sigrid Weigel. Eine „Kulturnation“ ist nach ihrer Definition eine Nation, die „ein ethnisch oder kulturell homogenes Volk darstellt, ohne eine territoriale oder staatliche Einheit zu bilden, wie Kurden oder Albaner etwa“. Perspektiven bietet hier ein anderer Blick auf die Kultur: „die europäische Kulturgeschichte als Potential für die Europäisierung, sofern sie nicht als Erbe stillgelegt, sondern als Wissen über die Aushandlung von Differenzen, über Freund- und Feindkulturen, über unterschiedliche historische Erfahrungen diesseits und jenseits der Nationalstaaten studiert wird.“ Mehr hier 

 

Zwangsarbeit 1939-1945

Das Lebensschicksal von ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern ist Thema des neuen Online-Angebotes des Deutschen Historischen Museums. Die dort präsentierte Auswahl greift auf die rund 2000 Video- und Audiobänder der Interviews mit ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern zurück, die im Rahmen der Kooperation mit der EVZ und der FU Berlin im Deutschen Historischen Museum inventarisiert und archiviert wurden und nun unter konservatorisch besten Bedingungen im Museum gelagert sind. Die ausgewählten Interviewpartner berichten über unterschiedliche Einsatzbereiche in der Industrie, der Landarbeit, im Bergbau und im Privathaushalt. Die Interviews lassen sich zu übergeordneten Themen wie „Herkunft und Familie“, „Arbeit und Terror“, „Rückkehr und Emigration“ anwählen. Hintergrundinformationen erhält der Nutzer durch einführende Texte, Daten und Fakten zur Zwangsarbeit. Die Interviews sind deutsch untertitelt. Mehr hier 

 

Arminius zum ersten

Richard Herzinger konstatiert bei den Deutschen wieder ein „verstärktes Interesse an ihren traditionellen Nationalmythen“ und wundert sich darüber, dass ausgerechnet der Sieg des Cheruskerfürsten Arminius im „Teutoburger Wald“ so viel Aufmerksamkeit auf sich zieht. Eigentlich stehen wir den Römern näher als den Germanen, meint der Autor. Arminius „zum Symbol nationalen Eigensinns“ aufzuwerten belebe nur „eine unheilvolle Traditionslinie in der deutschen Geistesgeschichte: die des zivilisationskritischen Affekts, der nationale Selbstbestimmung mit der Abschottung von den Errungenschaften der westlichen Moderne verwechselte.“ Denn die „Freiheit“ des Arminius bedeutete vor allem, dass ein großer Teil Germaniens von der zivilisatorischen Entwicklung Europas abgeschnitten und auf dem Stand einer Naturalwirtschaft ohne geschriebenes Recht blieb.“ Sogar die Einfuhr von Olivenöl und Wein aus Italien sei verboten worden – ein Ausdruck des Hasses gegen die „westliche Zivilisation“: „Darin ähnelt Arminius auf den ersten Blick modernen „Antiimperialisten“ wie Ho Chi Minh und Pol Pot.“ Mehr hier 

 

Arminius zum zweiten

Hermann, der Cherusker ist fast vergessen – auch dass er in den 1950er Jahren kurzfristig in BRD wie DDR als Identifikationsfigur bemüht wurde. Heute hat es der „erste Deutsche“ immerhin zum touristischen Hoffnungsträger in der „armen und abgelegenen Region Lippe“ geschafft, der nach der Pleite zahlreicher Betriebe der Holz- und Möbelindustrie nicht mehr viel bleibt, meint Raoul Löbbert. Als nationaler Mythos taugt er längst nicht mehr, auch wenn „Grabbe, Kleist und Klopstock zum Teil pathetische (Klopstock), zum Teil brutale Dramen (Kleist) über das ach so deutsche Ringen um Freiheit geschrieben haben, das mit Hermann angeblich begann und aus dem Deutschland Kraft ziehen sollte, um die verhassten Besatzungstruppen Napoleons aus dem Land zu jagen. Kaum jemand getraute sich wie Theodor Mommsen bei so viel nationaler Geschichtsbeugung darauf hinzuweisen, dass Arminius ein Verräter und durch und durch „verschlagen“ gewesen ist. Schlimmer noch: Heinrich von Kleist legitimierte in seiner „Hermannsschlacht“ sogar den Einsatz aller Mittel, solange sie nur dem großen Ganzen dienen.“ Mehr  hier 

 

Das Historische Buch 2009

Die Geschichtswebsite H-Soz-u-Kult hat schon vor längerer Zeit den Wettbewerb 'Das Historische Buch' ins Leben gerufen, bei dem herausragende geschichtswissenschaftliche Publikationen ausgezeichnet werden. Ab sofort besteht wieder die Möglichkeit, persönliche Favoriten des Publikationsjahrgangs 2008 vorzuschlagen und später aus der Gesamtliste aller von der Jury und den Listenmitgliedern eingegangenen Vorschläge "Das Historische Buch 2009" zu küren. Das Votum der H-Soz-u-Kult-Subskribenten tritt in der Form eines Publikumspreises neben die von einer mehr als 50-köpfigen Jury erstellten epochalen, regionalen und thematischen Rankings. H-Soz-u-Kult ist das größte und bedeutendste Kommunikationsnetzwerk für die Geschichtswissenschaften im deutschsprachigen Raum. Mehr hier  

 

Familiengeschichte

Als „zerstörerisches Werk“ bezeichnet Bert Rebhandl „Jud Süß“, den antisemitischen Hetzfilm der NS-Zeit. Das betrifft nicht nur die Indienstnahme des Kinos durch Regisseur Veit Harlan für die NS-Ideologie, sondern auch die Auswirkungen des Films auf die Familie Harlan: „Kristina Söderbaum sagte 1973 in einem Interview: "Der Film hat unser Leben zerstört." Sie meinte damit ihr eigenes Leben und das ihres Mannes Veit Harlan und das ihrer Kinder und deren Halbgeschwister und noch der dritten Generation nach der großen Vaterfigur.“ Filmemacher Felix Moeller hat in seinem Dokumentarfilm "Harlan - Im Schatten von Jud Süß" die Geschichte nacherzählt. Rebhandl resümiert: „Moellers Film bezeugt mit den Protagonisten aus der dritten Generation auch, dass sich dieser Fall gerade nicht für eine wie immer dramatisch überhöhte Perspektive eignet. Die Kindeskinder, die Moeller in Italien, Frankreich und Niedersachsen aufgesucht hat, stehen sicher nicht unter einem weiterwirkenden Verhängnis. Alice, Chester, Nele, Lotte und Lena Harlan sind Kinder jenes Europa, das aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgegangen ist. Sie bezeugen alle jenes Maß an Distanz, das mit einer Gnade der späten Geburt nichts zu tun hat, sondern einfach mit der Tatsache, dass sich in einer Welt, die nicht mehr mythisch ist, Schuld nicht direkt vererbt.“ Mehr hier  und hier 

 

Unrechtsstaat

„Wir diskutieren noch immer über die Unrechtsstaatshaftigkeit der DDR. Zwanzig Jahre nach ihrem Ende. Seltsam ist das schon. Verräterisch ist das schon. Noch immer schreit dieses Land auf, wenn jemand dem Satz "Die DDR war ein 'Unrechtsstaat' etwas hinzufügen will.“, überlegt die Publizistin Kerstin Decker. Vielleicht wäre es richtiger, zu sagen, die DDR sei „kein Rechtsstaat“. Decker: „Eine Gesellschaft, die nur formal denkt, die bloß Begriffe wie 'Diktatur' und 'Unrechtsstaat' zur Verfügung hat, egal welche Wirklichkeiten sie beschreiben will, erkennt immer nur sich selbst in allen Dingen. Darin liegt die Ignoranz des Westens.“ Mehr hier 

 

Die Wikinger

Schon 100.000 Besucher kann die Sonderausstellung „Mit den Wikingern auf großer Fahrt“ im Historischen Museum der Pfalz in Speyer verzeichnen. Sie wird deshalb verlängert Museumschef Dr. Alexander Koch: „Ich freue mich sehr darüber, dass sich so viele Familien und junge Besucher für das Thema der Wikinger interessieren.“ Die Nordmänner hielten zwischen dem 8. und 11. Jahrhundert das damalige Europa in Atem. Sie plünderten, besiedelten Inseln im Nordatlantik und trieben Handel mit dem arabischen Kalifat. Sogar die Entdeckung Amerikas wird ihnen zugeschrieben. Ihr Bild ist von zahllosen Mytehn überlagert und changiert zwischen skrupellosen Plünderern und beutehungrigen Piraten, verwegenen Kämpfern, gottlosen Heiden, geschickten Händlern, genialen Schiffsbauern, wagemutigen Entdeckern und phantasievolle Kunsthandwerkern. Mehr hier 

 

Säkularisierungslegende

Nach gängiger Meinung ging mit der Aufklärung das Zeitalter der Religionen zu Ende und das „Zeitalters der Säkularisierung“ begann. „Viele Wissenschaftler pflegen diese vertraute Vorstellung, sogar an Religion interessierte Historiker.“, schreibt der Historiker Olaf Blaschke. „Oft firmiert das 19. Jahrhundert als ‚säkulares Zeitalter’, als ‚Jahrhundert des Nationalismus’ oder als ‚Zeitalter des Bürgertums’.“ Dabei ist eher das Gegenteil der Fall. Im frühen 19. Jahrhundert gewinnt die Religion erneut an Relevanz, die sie erst in den 1960er Jahren verliert. Blaschke: „Deutet man die Zeit zwischen 1830 und 1970 als zweites Zeitalter des Konfessionalismus oder gar als zweites konfessionelles Zeitalter, lässt es sich als Einheit mit durchaus unterschiedlich intensiven Frömmigkeitsphasen wahrnehmen. Daten, die verschiedene Manifestationen dieses Phänomens erfassen, illustrieren, dass das zweite konfessionelle Zeitalter einer Parabel ähnelt, die 1830 anhebt und um 1970 endet.“ Noch ein Ansatz, der zur Erklärung der heftig umstrittenen Folgen von 1968 beiträgt. Mehr hier 

 

Berliner Luftschloss

In einer kleinen Glosse denkt Eckhard Fuhr über das Schicksal des Berliner Stadtschlosses nach. Die Errichtung der Replik mitten in Berlin ist nach seiner Meinung zwar in der Politik gut verwurzelt, aber weniger in der Gesellschaft. Denn die will sich nicht so recht engagieren. Das für sie vorgesehene „Spendenziel von gut 80 Millionen Euro für die Fassaden, das im Finanzplan des Bundes festgeschrieben ist, liegt in unerreichbar weiter Ferne.“ Was bleibt da zu tun. Fuhr weiß die Antwort: „Nun springt der Staat für seine Bürger ein und sammelt selbst. Die Bundesregierung gründet demnächst eine Stiftung, die sowohl als Bauherrin wie auch als Sammelbüchse fungieren wird. Sie glaubt nicht mehr daran, dass Private das gesteckte Ziel erreichen können.“ Den ganzen Text finden Sie hier . Einen Tag später hat sich Regina Münch in der FAZ dem Thema ebenfalls gewidmet und kommt zum gleichen Ergebnis: „Ein Pyrrhussieg für den Initiator Wilhelm von Boddien, ohne den kein Bundestagsbeschluss für den Wiederaufbau der Hohenzollernresidenz denkbar gewesen wäre. Denn jetzt ist offen ausgesprochen, dass man auch im Bundeskabinett nicht mehr glaubt, Boddiens Bürgerverein könnte das Geld für den wohl wichtigsten Teil des Schlosses zusammenbekommen. Ein gutgemeintes Enteignungsprogramm für lahmendes bürgerschaftliches Engagement; wenn es schief geht, bleibt, wie neuerdings immer, noch die Steuerkasse.“ Mehr hier  

 

Acht Lehrstühle fürs Konservieren

In Deutschland gibt es acht Lehrstühle, die sich mit der Forschung und Entwicklung von Technologien zur Erhaltung von Kunstwerken beschäftigen – so die Bundesregierung in ihrer Antwort auf eine Kleine Anfrage der Fraktion Die Linke. Die Lehrstühle sind in Fachhochschulen und Technischen Universitäten in Berlin, Dresden, Erfurt, Hildesheim/Holzminden/Göttingen, Köln, München, Potsdam und Stuttgart angesiedelt. Der Personalbedarf an wissenschaftlichem Nachwuchs für Forschungsinstitute mit dem Schwerpunkt Konservierungswissenschaft, Museen, Archive und Denkmäler könne zufriedenstellend gedeckt werden, auch wenn in Einzelfällen die Ausschreibung international erfolgen müsse, so die Bundesregierung. Die Antwort im Wortlaut hier 

 

Schlussstrich ziehen

Sir Norman Rosenthal, langjähriger Kurator der Royal Academy in London, plädiert in einem Gespräch mit dem SPIEGEL dafür, die Rückgabe von NS-Raubkunst einzustellen. Die Restitution diene nicht der Wiedergutmachung: „Unfassbar Furchtbares ist geschehen. Wie wollen Sie das vergeben? Indem Sie einen Tizian einpacken?“ Persönlich sei er nie daran interessiert gewesen, früheres Eigentum seiner Eltern wiederzugewinnen. Vergangenheitsbewältigung dürfe nicht zu Lasten der Kunst geschehen, es sei schade, „wenn Werke plötzlich aus der Öffentlichkeit, aus der Sichtbarkeit verschwinden“. Man müsse auch im Auge behalten, dass der Kunstmarkt in den vergangenen Jahren explodiert sei und Begehrlichkeiten geweckt habe. In manchen Fällen erhalte der Anwalt 50 Prozent des Erlöses. Mehr hier 

 

Vergangenheitsbewältigung

Warum, fragt sich Slavenka Drakulic, bin ich seit 17 Jahren nicht mehr nach Belgrad gefahren. Anfang der neunziger Jahre floh die Autorin aus ihrer Heimatstadt während des Balkan-Krieges nach Wien. Obwohl sie zwischendurch in der Region unterwegs war, besuchte sie Belgrad nicht. Einladungen von Freunden schlug sie schon gewohnheitsmäßig aus. Es war aber nicht nur Angst vor dem Krieg und die Tatsache, dass Belgrad inzwischen „eine Metapher für den Krieg geworden war“. Es war auch das aktive Beschweigen der Vergangenheit in Serbien selbst, die sie abhielt. Die große Mehrheit verspürte kein Bedürfnis, sich der Tatsache „Krieg“ zu stellen: „Nicht alle waren Kriminelle oder Mörder, deshalb war es auch keine Frage von Schuld. Aber man müsste sich beim Sprechen der Verantwortung stellen, für ein mörderisches Regime gestimmt zu haben. Man müsste sich damit auseinandersetzen, dass man sich sowohl als Opfer von Milosevic wie auch der Supermächte fühlte (war Belgrad nicht von der Supermacht USA bombadiert worden ?). Man hätte sich mit dem Glauben auseinandersetzen müssen, dass es keine andere Möglichkeit gegeben hätte als sich dem nationalistischen Druck hinzugeben. Unglücklicherweise leugnen Serben die Existenz ihrer jüngsten Vergangenheit. Es scheint in der Gesellschaft kein Bedürfnis zu geben, die Wahrheit herauszufinden.“ Der Artikel von Drakulic hat in Serbien eine heftige Debatte über die Form der Vergangenheitsbewältigung ausgelöst. Mehr hier 

 

Donald Duck vs. Byzanz

"Eine Geschichte ist eine Erzählung. Ein Bericht. Eine Abfolge von Ereignissen.“, vergewissert sich Goran Stefanowski. „Sie sagt uns, wer wir sind, wer wir waren, und was aus uns werden könnte. Sie ist eine Interpretation. So wie die Identität, die eine Erzählung von uns ist, ein ständiges Verhandeln und Neuverhandeln unseres Selbst. So wie das Theater, das ebenfalls eine Spiegelfläche ist, eine Vision von uns und der Welt, eine Deutung der Vergangenheit und eine Projektion in die Zukunft.“ Deshalb bemüht sich Osteuropa nicht nur um eine neue Identität, sondern auch das Ende „der geschichtlichen Narkose“ und das Ende der Illusionen. Mehr hier .

 

51. Gedenkstättenseminar

Die Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn, die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg und andere laden im Juni zum 51. Bundesweiten Gedenkstättenseminar ins „Haus auf der Alb“. Thema sind die „NS-Krankenmorde“, die Referenten befassen sich u.a. mit „NS-"Euthanasie": Ideengeschichte der Rassenhygiene, Eugenik und "Euthanasie" im internationalen Kontext des 19. und 20. Jahrhundert“, der Zwangsterilisation der „Definition von ‚lebensunwert’ durch den Nationalsozialismus“. Mehr hier .

 

Hakenkreuze überall

„Stellen wir uns vor, wir wären Neonazis. Wie würde uns dieser Film gefallen?“ fragt Jan Schulz-Ojala in seiner Kritik über die deutsche Groß-Produktion „John Rabe“, die eben im Kino angelaufen ist. Seine Antwort: die neue Zielgruppe wird bestens bedient, denn der Film präsensiert sich „von untadelig völkischer Gesinnung“, nicht nur, was die Verwendung der Hakenkreuzfahne, sondern auch, was den Blick auf die in Nanking versammelten Nationen betrifft. Der Amerikaner trinkt, die Französin ist lüstern, der jüdische Diplomat verweichlicht. Und, so Schulz-Ojala: „Rabe lässt sich auch von allerlei reichsfeindlichen Einflüsterungen nicht beirren, sondern bleibt stets aufrechter Nationalsozialist – so hoffnungsfroh, dass er den vielbeschäftigten Führer sogar telegrafisch um Intervention zugunsten der Chinesen bittet.“  Hauptdarsteller Ulrich Tukur hat auf der Berlinale den Satz zum Film getan: „Der lange Schatten des Nationalsozialismus lichtet sich“, und damit „in schöner Arglosigkeit die Tendenz der Filmindustrie, jene ferner rückende Zeit immer unbefangener auf möglichst politikfreie, international massenwirksame Unterhaltungsstoffe abzugrasen“ benannt. Die Kritik im Wortlaut hier . Die Website zum Film „John Rabe“  hier.

 

Neue Räume für alte Filme

„Film ist das Gedächtnis des 21. Jahrhunderts“ ist der Leitspruch der Wilhelm-Murnau-Stiftung. Sie beschäftigt sich seit 43 mit dem Erhalt und der Pflege des deutschen Filmerbes. Im Bestand der Stiftung befinden sich rund 2.000 Stumm-, 1.000 Ton- und rund 3.000 Kurzfilme, darunter legendäre Klassiker wie „Metropolis“, „Der Blaue Engel“ oder „Das Cabinett des Dr. Caligari“. Durch den Umzug ins „Deutsche Filmhaus“ in Wiesbaden haben sich Raumangebot und Arbeitsmöglichkeiten erheblich verbessert. So steht der Stiftung jetzt auch ein Filmtheater zur Verfügung. Neben der Stiftung sind im Deutschen Filmhaus auch die Spitzenorganisation der Filmwirtschaft (SPIO), die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) sowie das Filmarchiv des Deutschen Filminstituts und das ZDF Landesstudio Hessen ansässig. Kulturstaatsminister Bernd Neumann anlässlich der Eröffnung des neuen Standortes: „Das Filmerbe ist ein Zeitzeuge par excellence, jeder Film damit ein Teil des Gedächtnisses einer Generation und einer Nation – und wie kaum ein anderes Kulturgut bedroht.“ Mehr hier 

 

Ehrenring

Die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann, Professorin für Anglistik und allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz, ist mit dem Paul-Watzlawick-Ehrenring 2009 ausgezeichnet worden. Der Ehrenring wird seit 2008 jährlich an Persönlichkeiten vergeben, die sich für den Diskurs zwischen den wissenschaftlichen Disziplinen sowie die Humanisierung der Welt einsetzen und entsprechende Publikationen vorzuweisen haben. Erster Preisträger war der in den USA lebende und wie Watzlawick aus Österreich stammende Kommunikationswissenschafter und Soziologe Peter L. Berger. Aleida Assmann ist in diesem Jahr bereits mit dem Max-Planck-Forschungspreis ausgezeichnet worden. Sie ist Vorstandsmitglied des Exzellenzclusters "Kulturelle Grundlagen von Integration" an der Universität Konstanz und Fellow am dortigen Kulturwissenschaftlichen Kolleg.

 

KZ-Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau erhalten

Polens Ministerpräsident Donald Tusk hat in einem Brief an alle EU-Regierungschefs um finanzielle Unterstützung für den Erhalt der KZ-Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau gebeten. Erforderlich seien 120 Millionen Euro. Warschau warnt seit längerem vor dem Verfall der Gedenkstätte. Polen ist allein nicht in der Lage, für die jährlichen Instandhaltungskosten von fünf Millionen Euro aufzukommen. „Es geht um die Einrichtung eines Fonds“, so Jarek Mensfelt, Sprecher des Museums Auschwitz-Birkenau. „Aus diesem 120-Millionen-Fonds brauchen wir jedes Jahr fünf Millionen Euro, um den drohenden Verfall der Gedenkstätte zu verhindern.“ Mensfelt: „Auschwitz-Birkenau ist ein Eckstein der Europäischen Geschichte.“ 155 Gebäude, 300 Ruinen und nahezu 100.000 Ausstellungsstücke müssen dringend saniert und restauriert werden. Im vergangenen Jahr besichtigten die Gedenkstätte mehr als eine Million Menschen. Die Zahl der deutschen Besucher liegt nach Polen, Briten und US-Amerikanern an vierter Stelle. Mehr hier . Bilderserien zum KZ Auschitz-Birkenau hier . Aufgefundene Fotos eines SS-Fotografen hat das US Holocaust Memorial Museum hier ins Netz gestellt.

 

Tierschutz und Holocaust

Die Tierschutzorganisation PETA – People for the Ethical Treatment of Animals ist mit ihrer Verfassungsbeschwerde gegen das Verbot ihrer Werbekampagne „Der Holocaust auf Ihrem Teller“ gescheitert. Das Bundesverfassungsgericht hat die Beschwerden gegen vorinstanzliche Urteile wegen offensichtlich fehlender Erfolgsaussicht nicht zur Entscheidung angenommen. Das Grundgesetz unterscheide kategorial zwischen menschlichem, würdebegabten Leben und den belangen des Tierschutzes, infolge dessen sei die Kampagne von PETA als eine Bagatellisierung und Banalisierung des Schicksals der Holocaust-Opfer zu bewerten. Im Zuge der Kampagne sollte unter anderem auf Plakatwänden jeweils ein Foto aus dem Bereich der Massentierhaltung neben einer Abbildung von lebenden oder toten Häftlingen von Konzentrationslagern aus der Zeit des Nationalsozialismus gezeigt werden. Den Beschluss des Bundesverfassungsgerichts finden Sie hier hier . Die Website von PETA steht hier .

 

Weltweit vernetzt

Gleich zwei Jubiläen feiert das Internet in diesem Jahr: 1969 entstand ARPANET, aus dem sich später das world wide web (www) entwickelte. Das Projekt von ARPA (Advanced Research Project Agency), einer Agentur des US-Verteidigungsministeriums, vernetzte zunächst die Universitäten und Forschungseinrichtungen in den USA – die Idee dabei: die damals knappen Rechnerkapazitäten besser zu nutzen. Das www selbst wurde 1989 von Tim Berners-Lee, einem damaligen Mitarbeiter des CERN (Europäische Zentrale für Atomforschung) in Genf, entwickelt. Damit wurde das Netz auch für Laien handhabbar, dem weltweiten Erfolg stand nichts mehr im Weg. Im März 1989 machte Berners-Lee mit der Projektskizze „Information Management: A Proposal“ den entscheidenden Vorschlag. „This document was an attempt to persuade CERN management that a global hypertext system was in CERN's interests. Note that the only name I had for it at this time was ‘Mesh’ -- I decided on ‘World Wide Web’ when writing the code in 1990.”, notiert dazuBerners-Lee. Das Dokument finden Sie hier . Ein Film über die Geschichte des Internets können Sie hier  sehen.

 

Antisemitismus ./. Islamophobie

„Darf man Antisemitismus und Islamophobie in einem Atemzug nennen?“ fragt sich Micha Brumlik und wundert sich über eine Autorengruppe um den Publizisten Henryk M. Broder, die dahinter eine Relativierung des Holocaust wittert. Anlass war die Ankündigung einer Tagung des Historikers Wolfgang Benz. Darin heißt es u.a.: "Die Parallelen zu Antisemitismus und Judenfeindschaft sind unverkennbar: Mit Stereotypen und Konstrukten, die als Instrumentarium des Antisemitismus geläufig sind, wird Stimmung gegen Muslime erzeugt. Dazu gehören Verschwörungsfantasien ebenso wie vermeintliche Grundsätze und Gebote der Religion, die mit mehr Eifer als Sachkenntnis behauptet werden. Die Wut der neuen Muslimfeinde gleicht dem alten Zorn der Antisemiten gegen die Juden. Aufgabe der Antisemitismusforschung, die sich als Vorurteilsforschung begreift und Judenfeindschaft als erkenntnisleitendes Paradigma versteht, ist es, beide Phänomene in den Blick zu nehmen: Hass gegen die Juden und den Judenstaat, wie er von Muslimen artikuliert wird, und Hass gegen die Muslime, der sich der gleichen Methoden bedient, die vom christlichen Antijudaismus wie vom rassistischen Antisemitismus entwickelt werden." Broder hat in anderem Zusammenhang „Antisemitismus“ w.f. definiert: „Das Ressentiment gegen Juden gehört zum Grundbestand der europäischen Kultur. Wo diese Antipathie über das Normalmass hinaus geht, beginnt Antisemitismus. Wer darauf fixiert ist, den Israelis Grausamkeiten bei ihrem Kampf gegen Terroristen vorzuwerfen, sich aber um Gräueltaten in Nordkorea oder im Sudan nicht schert, ist Antisemit.“ Der Kern des Streites, so Brumlik, liege in der Frage, wo die Vergleichbarkeit historischer Verbrechen aufhöre und wo die Verwirrung anfange. Den Text von Brumlik finden Sie hier hier . Zur Homepage von Henryk M. Broder geht es hier .

 

Hauch von Geschichten

Am 17. April 2009 wird die taz 30 Jahre alt. Aus diesem Anlass gibt sie sich nicht nur ein neues Lay-out, sondern organisiert am Jubiläumswochenende auch einen Kongress. Unter dem Motto ¿Tu was! – Freiheit & Utopie werden alte und neue Probleme der Welt zur Diskussion gestellt und viele Blicke nach vorn und zurück gewagt. Auf dem Programm stehen u.a. Themen wie „Was ist echte Demokratie?“, „Was ist heute kritische Öffentlichkeit ?“ und „Was ist heute Entfremdung ?“, wobei auch darüber gesprochen wird, was der 60. Geburtstag der BRD mit der angeblichen Bildungskrise, dem Schönheitswahn und dem Leistungsfanatismus zu tun haben. Auf den zahlreichen Podien sitzen u.a. taz-Chefin Bascha Mika, Daniel Cohn-Bendit MdEP, Sonia Mikich (Monitor), Hans-Christian Ströbele (Grüne), Elke Schmitter (Autorin) und Klaus Wowereit (Regierender Bürgermeister Berlins), Heinz Bude, Robert Misk und Jan Feddersen. Mehr hier

 

Börse für Zeitzeugen

Zeitzeugen gehören zum festen Repertoire vieler Fernsehfilme mit historischen Themen. Sie sollen Authentizität und Glaubwürdigkeit vermitteln, auch wenn ihre Statements oft nicht länger als ein paar Sekunden sind. Um der Geschichte ein Gesicht zu geben, haben sich schon früher eine ganze Reihe von Vereine gegründet, die sich der Vermittlung persönlicher Erfahrungen von historischen und gesellschaftspolitischen Ereignissen verschrieben haben. Über die persönliche Ebene hinaus hat die Vermittlung erlebter Geschichte aus ihrer Sicht auch gesellschaftliche Bedeutung: „Jeder Zeitzeuge wirkt mit an der Weitergabe von Erinnerung und Erfahrung.“ Durch ihre Schilderungen zeigen Zeitzeugen Hintergründe von Geschichte auf und veranschaulichen und ergänzen Details, die im Rahmen der konventionellen Geschichtsschreibung leicht verloren gehen – so die Berliner ZeitZeugenBörse. Sie existiert seit 1993 und hat seitdem als Modell und Namensgeber für ähnliche Einrichtungen in anderen Städten gedient. Neben Berlin  gibt es ZeitZeugenBörsen u.a. in  Oldenburg  , Hamburg sowie in Hamm und Köln  .  

 

Stiftungszweck erweitert

Die Bundesregierung hat einen Gesetzesentwurf zur Änderung des Gesetzes zur Errichtung einer „Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ vorgelegt. Danach soll die Stiftung in Zukunft nicht nur das Stelenfeld von Peter Eisenman und den ergänzenden „Ort der Information“ unterhalten, sondern auch die Denkmäler für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma sowie für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen. Zur Begründung heißt es, der ursprüngliche gesetzliche Auftrag sei inzwischen erfüllt, jetzt gelte es, das Gesetz zu aktualisieren. Die Aufgaben des bisherigen Vorstands und der Geschäftsführung der Stiftung sollen zusammengelegt und von einem Direktor bewältigt werden. Die Hauptaufgabe der Stiftung bleiben Unterhalt und Betrieb des Denkmals für die ermordeten Juden Europas. Dazu gehörten auch Sonderausstellungen, Vorträge und Seminare sowie Publikationen, sofern sie für Ausstellungen oder Veranstaltungen notwendig seien. Den Gesetzesentwurf finden Sie hier 

 

Ein digitales historisches Archiv für Köln

Mit dem Aufbau eines offenen digitalen Archivs möchte eine Kölner Initiative einen Beitrag zur Rettung und Sicherung der kulturellen Erinnerung der Stadt Köln leisten, die durch den Zusammenbruch des Historischen Archivs der Stadt Köln katastrophal beschädigt worden ist. Neben vielen Einzelpersonen unterstützen der Verband deutscher Archivarinnen und Archivare e.V., der Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands e.V. und der Verband der Restauratoren e.V. das Projekt. Den Anstoß gab der Verein „prometheus - Das verteilte digitale Bildarchiv für Forschung und Lehre e.V.". Nachdem durch den Einsturz des Historischen Archivs Köln am 3. März 2009 ein großer Teil der Archivalien vermutlich unwiederbringlich zerstört ist, werden alle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aufgerufen, „ihre Forschungsunterlagen nach Vervielfältigungen von Archivalien aus dem Historischen Archiv zu durchsuchen und ihre Fotografien, Kopien und Verfilmungen in das digitale Historische Archiv einzustellen.“

Das digitale Historische Archiv Köln ist als ein offenes Archiv konzipiert und dient vor allem der Rekonstruktion und Sicherung der Archivalien nach der Bergung und der wissenschaftlichen Forschung, die nun über Jahre nicht auf die Originale wird zugreifen können. Mehr hier . Informationen zu „prometheus - Das digitale Bildarchiv für Forschung und Lehre e.V." hier

 

Das Geheimnis der blauen Röhren

Eigentlich wollte die Journalistin Malin Büttner für die "Sendung mit der Maus" nur der Frage nachgehen, was es mit den vielen blauen Röhren rund um die Kölner U-Bahn-Baustellen auf sich hat. Im Sommer 2008 stieg sie in den Untergrund von Köln, im Februar wurde der Beitrag über die Baugrube an der Severinstraße ausgestrahlt und eine Reihe von Fragen nach Grundwasser, Pumpen und Röhren beantwortet. Am 3. März stürzten das Historische Archiv der Stadt Köln und zwei Nachbarhäuser in die Baugrube. Büttner im Rückblick: „Ein sehr schlimmes Gefühl“ - Wer hätte bei den Dreharbeiten ahnen können, dass der Film eine Art Zeitdokument werden würde? Mehr Informationen hier . Den Film über das Geheimnis der blauen Röhren finden Sie hier

 

Was ist ein Kanon ?

Vom 25. bis 29. März 2009 findet in Marburg der 30. Deutsche Kunsthistorikertag zum Thema „Kanon“ statt. Die Geschichte der Kunst operiert mit Wert- oder Gültigkeitsvorstellungen, sie erzeugt, überholt oder verwirft diese Kanones. Die sind zugleich Grundlage und Gegenstand der ganzen Bandbreite der Methoden und Perspektiven der Kunstwissenschaft. In zwölf Sektionen fragen 60 Referenten aus dem In- und Ausland nach Gründen und Mechanismen des Zustandekommens von Kanones, nach Formen ihrer aktiven Konstituierung, Instrumentalisierung und Veränderung in zentralen Themen- und Arbeitsfeldern, u.a. der Publikumserfahrung und Rezeption, der Gleichzeitigkeit ungleichzeitiger Normen, der Subkultur, des Kunstmarktes, beim Thema Kunst und Globalisierung oder Kunst in der DDR. Das Thema der öffentlichen Podiumsdiskussion am Eröffnungsabend "Kulturelles Erbe - Gesellschaftlicher Auftrag?" erweist sich angesichts des Einsturzes des Kölner Historischen Archivs als von geradezu makabrer Aktualität. Mehr hier

 

Geschichtsforum 09

20 Jahre nach den friedlichen Revolutionen in der DDR und in Ostmitteleuropa beschäftigt sich das Geschichtsforum 1989 | 2009 mit deren politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Voraussetzungen und Folgen. Das „Geschichtsfests“ sieht sich als Forum für eine lebendige und disziplinenübergreifende Auseinandersetzung mit der Zeitenwende 1989 und bietet dazu ein vielfältiges Vortrags- und Diskussionsprogramm. Hinzukommen kreative und künstlerische Angebote – Filme, Theater, Lecture Performances und Musik. Neben dem Rückblick auf die deutsche und europäische Teilung und ihre Überwindung geht es um die Bedeutung der Vergangenheit für Gegenwart und Zukunft, um Erinnerungskultur und Geschichtsbewusstsein. Das Geschichtsforum findet vom 28. – 31.05.2009 in Berlin statt und ist eine Veranstaltung der Bundeszentrale für politische Bildung, der Kulturstiftung des Bundes, der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und dem Institut für Zeitgeschichte München-Berlin, dem Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam und Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V., mit der Humboldt-Universität zu Berlin, dem Maxim Gorki Theater und dem Deutschen Historischen Museum. Mehr hier

 

50 Jahre danach

Wenn Wirtschaftshistoriker in 50 Jahren auf die heute aktuelle Wirtschafts- und Finanzkrise zurückblicken, werden sie nach Meinung von Niall Ferguson, einem heutigen Kollegen, die Krise als Ende der „Ära der großen Kredithebel und der exzessiven Schulden“ deuten und sie „mit der Depression der frühen dreißiger Jahre“ vergleichen. Zugleich gibt Ferguson auch aktuelle Tipps: „Die derzeitigen Schritte zur Krisenabmilderung sollten nicht den Evolutionsprozess verhindern. Die Dinosaurier müssen sterben, aber möglichst mit geringen Schmerzen, nicht durch große Bankrotte, weil die das gesamte Finanzsystem und die Wirtschaft erschüttern. Nach dem Absterben der Dinosaurier entstehen neue Lebensformen. Die Staatsinterventionen dürfen diesen Prozess der Evolution nicht stoppen oder verzerren. Die Gefahr der staatlichen Intervention ist, dass sie wie in Japan diesen Erneuerungsprozess verhindert, wenn sie Zombie-Banken erhält, die lebend tot sind und nicht mehr funktionieren.“ Das ganze Gespräch finden Sie hier

 

Großer Bedarf

„Was ein Held ist, wird letztlich durch das soziale Koordinatensystem bestimmt, das die Tat bewertet und auf diesem Weg Heldentum definiert.“, meint der Psychologe Christian Schneider. „So ist ein ‚Held der Arbeit’, wie ihn die sozialistischen Staaten feierten, etwas anderes als ein Drachentöter. Und dieselbe Handlung, die einen hier zum Helden werden lässt, kann ihn dort, in einem anderen Koordinatensystem, zum Verbrecher oder Narren machen. Gleichwohl ist der Versuch nicht unsinnig, nach Universalien des Helden zu fahnden, die ihm über die Zeiten und Systeme hinweg so etwas wie Identität verleihen.“ Gleichwohl brauchen wir Helden, denn ohne sie keine Transzendenz, keine Orientierungs- und Projektionspunkte für unsere Möglichkeiten – kollektiv und individuell, im Positiven wie im Negativen: „Helden bezeichnen die Grenzregion menschlichen Verhaltens. Und ohne Grenze gibt es keinen Maßstab und keinen Sinn. Ganz ähnlich, wie das Leben sinnlos wäre ohne den Tod.“ Mehr hier

 

Krise, aber vielleicht auch mehr

Harald Welzer, Sozialpscholge und am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI) mit dem Projekt KlimaKultur befasst, wundert sich über die perspektiv- und phantasielose Debatte um die aktuelle weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise. „Auf die Idee, es handele sich hier möglicherweise um etwas anderes als eine "Krise", kommt offenbar niemand.“, überlegt er. Deshalb werde verfahren wie üblich: „Man leiht Geld, dreht an fiskalischen Stellschrauben und hofft dringend darauf, dass das doch bitte alles bald vorüber sein möge. Das Fehlen jeglicher Klarsicht in der Einschätzung des Ausmaßes und der Folgen des Debakels deutet freilich an, dass das, was gerade geschieht, systemisch gar nicht vorgesehen ist.“ Die Ursachen für die eigentümliche Blindheit liegt im Kulturellen: „In dem Augenblick, in dem Geschichte stattfindet, erleben Menschen Gegenwart. Soziale Katastrophen passieren im Unterschied zu Hurrikans und Erdbeben nicht abrupt, sondern sind ein für die begleitende Wahrnehmung nahezu unsichtbarer Prozess, der erst durch Begriffe wie ‚Kollaps` oder ‚Zivilisationsbruch’ nachträglich auf ein eruptives Ereignis verdichtet wird. Fragen, warum nicht gesehen wurde, dass eine Entwicklung auf die Katastrophe zusteuerte, stellen Historiker in dem Wissen darum, wie die Sache ausgegangen ist. Sie blicken vom Ende einer Geschichte auf ihren Beginn und erzählen als Retro-Prognostiker, wie es zu diesem oder jenem Ergebnis kam, gar kommen musste.“ Das vollständige Essay von Harald Welzer finden Sie hier . Mehr zum Projekt Klimakultur hier .